Materialistische Dialektik

Die philosophische Grundlage der Kritischen Psychologie ist die materialistische Dialektik. Von Griechenland und China, über Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Lenin bis zu Klaus Holzkamp wurde sie entwickelt als »Lehre der Entwicklung der Natur und der menschlichen Gesellschaft«.

Eric Recke

So wie Materie aufgrund ihrer Atomstruktur nur im Zustand der Bewegung existiert, existieren Gedanken und Emotionen nur im Zustand elektro-chemischer Zellveränderungen. Sie sind demnach Kombinationen einer Vielzahl von gesendeten Körperinformationen, die im Hirn zusammengefügt die Realität als Summe der sich bewegenden Materie widerspiegeln sollen. Zur Interpretation der Kombinationen hin auf die Initiierung von Handlungen nicht zuletzt zum Überleben sind Erfahrung und Übung erforderlich. Das bedeutet, dass unterschiedliche Erfahrungen und Fähigkeiten unterschiedliche »Sichtweisen« der Realität ermöglichen.

Um historisch überleben zu können, mussten Menschen ihre Sichtweisen »vereinen« und versuchen, die maximale Effektivität bei der Sicherung ihres Überlebens zu erreichen. Insbesondere bei sich widersprechenden Sichtweisen und diesen zugrunde liegenden Handlungsvorhaben bestand Klärungsbedarf. Der Modus der Sichtweisen-Vereinigung lässt sich demnach seinem funktionalen Kern nach als »Widerspruchsverfahren« bezeichnen. Dieses Verfahren hat der Menschheit bis heute all´ ihre Entwicklungen ermöglicht.

Dialektischer Materialismus

Die ersten historisch überlieferten Analysen dieses Widerspruchsverfahrens fanden etwa zeitgleich um das 4. Jh. v. u. Z. herum im antiken Griechenland sowie im alten China statt in Griechenland unter dem Namen: Dialektik. Karl Marx entwickelte die von ihm als »idealistisch« bezeichnete Vorstellung Georg Hegels von der Dialektik weiter zum »Dialektischen Materialismus«. Da die Idealisten davon ausgingen, die Welt würde durch menschliche Wahrnehmung und Ideen (in der Religion: durch die Idee »Gott«) geschaffen und existiere nicht unabhängig von diesen, vertrat Marx, anknüpfend an Ideen von Ludwig Feuerbach, dass die Welt unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung existiert und diese erst möglich macht. Menschen können die Welt demnach nur erkennen, was auch heißt, dass alle Vorstellungen von Menschen über die Welt immer nur eine Widerspiegelung, also ein jeweils unterschiedlich realitätsnahes Abbild, derselben seien.

Daraus leiteten Marx und Friedrich Engels ab, dass man das Denken von Menschen nur verstehen kann, wenn man sich anschaut, wie sie ihre Lebensgrundlagen produzieren. Darin nahmen sie an, dass die unterschiedlichen Wirtschaftsformen von der antiken Sklavenhaltergesellschaft über den Feudalismus bis zum Kapitalismus immer unterschiedliche Funktionsgruppen im Produktionsprozess hervorbrachten: Die einen leiteten die Produktion und nahmen das Produzierte in ihren Besitz und die anderen wurden zur Arbeit gezwungen und ausgebeutet. Diese Gruppen nannten sie Klassen.

Historischer Materialismus

Die Analyse der Geschichte dieser Klassen brachte Marx und Engels zu der Auffassung, dass man die Welt, ihre Vergangenheit und ihre Zukunft nur verstehen kann, wenn man die Kämpfe der Klassen begreift und erkennt, dass sie bis zur Abschaffung aller Klassen im Kommunismus die Triebkräfte der Menschheitsentwicklung waren und sind. Nachdem Wladimir Lenin diese »historischer Materialismus« genannte Wissenschaftsauffassung zur Vorbereitung der russischen Oktoberrevolution nutzte, verbreitete die UdSSR sie weltweit, sodass sie von der 68er Bewegung aufgegriffen werden konnte, durch die Klaus Holzkamp auf sie stieß.

Holzkamp stellte sich auf die Grundlage der Auffassungen von Marx, Engels und Lenin – vgl. Grundlegung der Psychologie, 1985, 27; bei Betonung der Bedeutung von “Lenins Beitrag zur Weiterentwicklung der marxistischen Theorie” (ebd., 33) – und forderte, deren materialistische Dialektik »vollinhaltlich zur methodisch-theoretischen Grundlage der positiven Erforschung menschlicher Natur zu machen« (Historischer Materialismus und gesellschaftliche Natur, 1979, 196, in: Forum Kritische Psychologie 4). Die erkenntnispraktische Vorgehensweise derselben kennzeichnete er dabei an gleicher Stelle wie folgt: »Ansatz an den Oberflächenerscheinungen des ‘Vorstellungskonkretums’, reduktive Gewinnung der abstrakt-allgemeinen Bestimmungen und, als ‘Aufsteigen vom Abstrakten zum Konkreten’, Erfassung der Erscheinungen in der Fülle ihrer konkret-allgemeinen Bestimmungen…«

Antonio Gramscis Beitrag zur materialistischen Dialektik

Kritik an den in diesem Artikel dargestellten philosophischen Grundlagen der Kritischen Psychologie