Die gesellschaftliche Natur des Menschen

Sind Menschen Tiere oder von Gott geschaffen? Führen sie den Rassenkrieg um das Überleben des Stärksten? Die Antworten auf diese Fragen haben große gesellschafliche Bedeutung. Die Kritische Psychologie vertritt, dass die »gesellschaftliche Natur des Menschen« sie zu gemeinschaftlich produzierenden Lebewesen macht.

Eric Recke

Seit Anbeginn der Wissenschaft streiten Menschen um die Frage: Was ist der Mensch? Ein von Gott geschaffenes Wesen, sich die Erde und die Tiere Untertan zu machen, wie es in der Bibel heißt? Oder ein Affe, der bloß sprechen gelernt hat, wie es manche in Anknüpfung an die Erkenntnisse von Charles Darwin vertreten? Klar ist: Der Mensch stammt vom Affen ab. Er unterscheidet sich aber von diesem und von allen anderen Tieren vor allem durch seinen Sprach- und Werkzeuggebrauch.

Die christliche Kirche hat Darwins Erkenntnisse lange geleugnet, da sie sich nicht mit ihrer heiligen Schrift vereinbaren ließen bis heute ist die Evolutionslehre bspw. in manchen US-amerikanischen Schulen verpönt. Dort gilt: Wer einen Teil der christlichen Lehre in Frage stellt, stellt alles in Frage und damit auch den kulturellen Einfluss der kirchlichen Funktionäre auf »ihre« Gemeinden. Die Frage »Was ist der Mensch?« ist also auch und vor allem eine Herrschaftsfrage.

Menschenbild

Während des deutschen Faschismus wurde Darwins Theorie dafür genommen, um zu behaupten, dass die evolutionäre Auslese des überlebensfähigsten Genmaterials auch bei Menschen stattfinden würde. Damit wurde die deutsche imperiale Eroberungspolitik als »Rassenkrieg« legitimiert, um von den kapitalistischen Verwertungs- und Raubinteressen der deutschen Unternehmen und der anderen davon profitierenden Bevölkerungsschichten als treibende Kraft für die Weltkriege abzulenken. Somit hat die Beantwortung der Frage »Was ist der Mensch?«, oder kurz gesagt: das Menschenbild, schon immer hohen gesellschaftlichen Einfluss.

Heutzutage trifft man häufig auf die Aussage »Menschen sind Tiere«, oft als Reaktion auf moralisch von den Aussagenden als falsch angesehene Handlungen wie Gewalt oder ungezügelte Sexualität. Dabei wird unterstellt, dass Menschen sich ihren tierischen »Trieben« gemäß verhalten würden, von denen sie regelrecht »getrieben« würden. Insbesondere wenn diese Auffassung als Anlass genommen wird, Menschen von Entscheidungen auszuschließen, weil sie ja angeblich nur ihren Trieben gemäß und nicht nach Vernunft handeln würden, entpuppt sich die Aussage »Menschen sind Tiere« als Mittel zur Unterdrückung von Menschen durch die Menschen, die sich damit selbst versuchen als die »Vernünftigen« darzustellen, die ihre Triebe unterdrücken könnten, um vernünftig handeln zu können.

Gesellschaftliche Natur des Menschen

Die Kritische Psychologie stellt dagegen mit der materialistischen Dialektik fest, dass der Mensch zwar vom Tier abstammt, aber die Evolution durch seine arbeitsteilige Vergesellschaftung überwunden hat. Es überlebt eben nicht das »stärkste« Genmaterial, sondern Menschen pflanzen sich in gesamtgesellschaftlichem Maßstab relativ unabhängig von ihren Genanlagen fort. Das bedeutet nicht, dass tierische Organismuseigenschaften keine Relevanz mehr haben, aber die gemeinsame gesellschaftliche Arbeitsteilung dominiert gegenüber den tierischen Eigenschaften. Klaus Holzkamp definiert dabei »Arbeit« als »kollektive vergegenständlichte Naturveränderung und Kontrolle von Naturkräften zur vorsorgenden Verfügung über die gemeinsamen Lebensbedingungen« (Grundlegung der Psychologie, 1985, 176f.).

So gesehen sind Menschen zentral durch ihren Beitrag zur gesellschaftlichen Arbeit bestimmt, da sie mit dieser ihr eigenes Leben ermöglichen und sich vor Hunger, Krankheit und Tod schützen. Weder wurden sie von Gott geschaffen auch wenn sie sich Tiere und Natur “Untertan machen” noch kämpfen sie um das Überleben des Stärksten. Stattdessen sind sie Wesen, die darauf angewiesen sind, über die Ausgestaltung der Arbeitsteilung und damit auch ihren eigenen Platz darin zu verfügen: Produziere ich für andere und werde ausgebeutet und unterdrückt oder produziere ich gemeinsam mit anderen für mich selbst und alle und entscheide mit zusammen mit diesen über Form und Inhalt der Produktion? Nur bei letzterem könne davon gesprochen werden, dass die gesellschaftliche Natur des Menschen sich würdevoll realisiert.

Zum Weiterlesen (insb. Kapitel 3)