Handlungsfähigkeit

Zentrale Analysekategorie der Kritischen Psychologie ist die »Handlungsfähigkeit«. Mit ihr wird verstehbar, warum Menschen einerseits prinzipiell völlig frei in ihrem Handeln sind und andererseits trotzdem ihre gesellschaftlichen Lebensgrundlagen sichern. Im Kapitalismus findet dies immer als Realisierung »Restriktiver« oder »Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit« statt.

Eric Recke

Um Menschen erklären zu helfen, warum sie sich so oder so verhalten, wird in der Kritischen Psychologie der analytische Begriff der »Handlungsfähigkeit« gewählt. Dieser Begriff fasst den Menschen ausgehend von seiner gesellschaftlichen Natur als Wesen, das durch Handlungen seine Lebensbedingungen gestaltet und an der gesellschaftlichen Lebenssicherung teilhat. Vorausgesetzt er oder sie sind dazu in der Lage, haben also die Fähigkeit dazu in der jeweiligen Situation. Alle Menschen können sich aber auch selbst wenn sie die Fähigkeiten haben dazu entscheiden, sich nicht an der Lebenssicherung zu beteiligen, weil sie andere für sich arbeiten lassen wollen oder sogar entscheiden, ihr Leben zu beenden.

Diese »relative Handlungsfreiheit« ist historisch mit dem Grad an Nahrungsüberproduktion entstanden, sodass einzelne Gemeinschaftsmitglieder mehr Zeit hatten, untersuchende, planende und kulturelle Handlungen auszuführen. Damit hat sich die ursprünglich enge Bindung an die Verbesserung der gemeinschaftlichen Lebenssicherung gelockert und Menschen ermöglicht, auch Handlungen auszuprobieren, deren Bedeutung für die Verbesserung dieser Lebenssicherung nicht unmittelbar offensichtlich war.

Intersubjektivität

Dabei mussten Menschen zunehmend allein Entscheidungen über den Nutzen ihrer Handlungen treffen und, um die Handlungen motiviert ausführen zu können, tragfähige Gründe für diese parat haben. Mit der wissenschaftlich-technischen Entwicklung der Menschheit hat diese Tendenz stetig zugenommen: Heutzutage können Menschen in ihrem gesamten Leben sich nicht ein einziges Mal unmittelbar an der gesellschaftlichen Lebenssicherung beteiligen und trotzdem überleben.

Damit stellt sich die Kritische Psychologie gegen alle Vorstellungen, in denen Menschen durch äußere oder innere Faktoren unmittelbar zu bestimmtem Verhalten gezwungen werden, also keine eigenen Gründe für ihre Handlungen haben. Stattdessen findet jegliches Verhalten ausnahmslos begründet statt, wodurch Menschen durch den Austausch über die jeweiligen Gründe ermöglicht wird, Einsicht in die Lage und das Verhalten anderer Menschen zu erlangen. Klaus Holzkamp bezeichnet diese »Intersubjektivität« als konstituierend für die »Menschlichkeit interpersonaler Beziehungen« (Grundlegung der Psychologie, 1985, 238).

Handlungsfähigkeit im Kapitalismus

Um die Handlungsfähigkeit von Menschen im heutigen Kapitalismus näher zu bestimmen, geht die Kritische Psychologie von der Marxschen Formationslehre aus. Nach dieser bestimmt wesentlich die Wirtschaftsweise eine Gesellschaftsform. Dabei gab es bisher unterschiedliche Gesellschaftsformen als »Formationen« in der Menschheitsgeschichte, welche aufeinander folgten. Heute wäre dies die bürgerliche Gesellschaft mit dem Kapitalismus als Wirtschaftsweise. Diese ist bestimmt durch den Kampf der beiden größten gesellschaftlichen Klassen um den Besitz der hergestellten Produkte: Die Besitzer der Produktionsmittel beuten als untereinander konkurrierende Kapitalisten die ebenfalls zur Konkurrenz gezwungenen Arbeiter als Verkäufer ihrer Arbeitskraft aus, da sie sich das Produkt alleine aneignen und den Arbeitern nur einen Lohn unter dem Wert des von diesen hergestellten Produktes zahlen – denn sonst könnten sie keinen Profit machen und ihr Geschäft würde bankrott gehen.

Dazu hat der Staat laut den Theoretikern der materialistischen Dialektik die Funktion mittels Gewalt, Bestechung und Verwirrung die Arbeiter am Widerstand gegen die Ausbeutung zu hindern und gleichzeitig ihre Zurichtung und hinreichende Gesundheit für diese zu organisieren. Dabei müssen die Staatsdiener die gegenseitigen Vernichtungs- und Übernahmeversuche der Kapitalisten regulieren, damit die Wirtschaftsweise nicht kollabiert. Der Staat sei somit »ideeller Gesamtkapitalist«. Hinzu kommt im besonderen die Kontrolle der Familien durch den Staat, die die Funktion haben, die Reproduktion der Wirtschaftsweise zu sichern. Auch die Organisation der Geschlechterverhältnisse mit dem Zweck der Ausbeutungskonformität fällt in das Hoheitsgebiet von Staat und Familie. Das heißt, dass alles Handeln im Kapitalismus grundsätzlich daran zu unterscheiden sei, ob es die Reproduktion der Ausbeutung und der sie aufrechterhaltenden Unterdrückung stützt oder diese bekämpft.

Restriktive und Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit

Als Abbildung dieses Widerspruchs schlägt die Kritische Psychologie das Widerspruchspaar »Restriktive und Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« vor. Restriktiv bedeutet dabei, durch eine Handlung die Ausbeutung zu reproduzieren, die herrschenden Kräfte zu stützen und sich an der Unterdrückung der Ausgebeuteten zu beteiligen, um die eigene Handlungsfähigkeit kurzfristig zu erhalten und nicht in größere Konflikte mit herrschenden Kräften und die Gefahr sanktioniert zu werden, zu geraten. Verallgemeinert bedeutet wiederum das Gegenteil unter Zusammenschluss mit anderen. Die beiden Begriffe sollen dabei laut Kritischer Psychologie der »sozialen Selbstverständigung« dienen, um Menschen zu ermöglichen, mit den Begriffen zu prüfen, ob ihre Handlungen die von ihnen gewünschten Zwecke erfüllen.

Da die Realisierung Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit immer mit Konflikten mit den herrschenden Kräften verbunden ist, wird »unbewusst Gemachtes« und »Verdrängtes« – wie man es aus der Psychoanalyse in mystifizierter Form kennt – als Teil der Realisierung Restriktiver Handlungsfähigkeit verstanden. Denn das Wegschieben von potentiell »gefährlichem« Wissen welches dann gefährlich wird, wenn Unterdrückende im Konflikt sanktionieren sei notwendiger Bestandteil der Sicherung Restriktiver Handlungsfähigkeit.