Denken, Fühlen, Wollen

»Restriktive« und »Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« haben ihre Entsprechung im Denken, Fühlen und Wollen von Menschen. Die Kritische Psychologie hat die jeweiligen Unterschiede und ihre Konsequenzen für das Handeln von Menschen untersucht.

Eric Recke

Die Kritische Psychologie nimmt an, dass jegliche Handlung unter den aktuellen gesellschaftlichen Bedingungen entweder den Effekt hat, Unterdrückung und Ausbeutung zu bestärken indem sich mit den herrschenden Kräften arrangiert wird oder diese in Frage zu stellen. Ersteres nennt sie »Restriktive«, letzteres »Verallgemeinerte Handlungsfähigkeit« realisieren. Da menschliche Handlungen immer als Einheit von Denken, Fühlen und Wollen stattfinden, hat die Kritische Psychologie diese unter dem Gesichtspunkt des Widerspruchspaars ebenfalls untersucht.

Menschen gewinnen Erkenntnisse vordergründig durch die gedankliche Erschließung der Wirkung ihrer Handlungen auf die Umwelt. Das bedeutet, dass Denken zentral für das Aneignen und Anwenden von Fähigkeiten zur Entwicklung von Handlungsfähigkeit ist. Dabei können zwar immer falsche Einschätzungen durch Irrtümer entstehen, aber für die Realisierung Restriktiver Handlungsfähigkeit ist eine falsche Sicht auf die Welt bereits von vorn herein nötig. Denn:

Deutendes vs. begreifendes Denken

Will man sich nicht mit unterdrückenden Menschen anlegen und riskieren, von diesen sanktioniert zu werden, muss man die eigenen Aggressionen gegen diese Kräfte irgendwie regulieren. Eine Variante ist, den Anlass der Aggressionen auszublenden, ihn zu vereinseitigen oder ihn verzerrt wahrzunehmen. Diese verkürzte Sichtweise nennt die Kritische Psychologie »deutendes Denken« (Klaus Holzkamp, Grundlegung der Psychologie, 1985, 388). Übliche Mechanismen dieses Denkmodus sind Personalisierung, Pauschalisierung und magisches Denken.

Das Gegenteil zum deutenden ist das »begreifende Denken«. Bei diesem werden gesellschaftliche Zusammenhänge als gemeinschaftliche wechselseitige Prozesse von verursachenden Handlungen und Handlungsauswirkungen erkannt. Menschen und ihre Handlungsbegründungen werden tendenziell in ihrer Gesamtheit wahrgenommen. Der Zusammenschluss mit anderen, zur Realisierung Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit – hin auf den Konflikt mit herrschenden Kräften – wird angestrebt.

Restriktive vs. Verallgemeinerte Emotionalität

Die Kritische Psychologie betrachtet im Gegensatz zu anderen (sich als wissenschaftlich verstehenden) Sichtweisen Emotionen als erkenntnis- und handlungsleitend. Damit vermitteln sie zwischen Denken und Handeln. Im Rahmen der Realisierung Restriktiver Handlungsfähigkeit werden Gefühle wie Angst oder Agressionen gegenüber unterdrückenden Menschen vom Denken abgeschnitten, verinnerlicht und damit diffus und unbearbeitbar. Dadurch leiten sie nicht mehr Erkenntnis und Handlungen, sondern blockieren diese sogar noch, da die Gefühle an falsche Denkinhalte geknüpft werden. So vom Denken abgetrennte Gefühle werden auch leichter instrumentell zur Belohnung oder zur Strafe nutzbar.

Der gegenteilige Modus der verallgemeinerten Emotionalität im Rahmen der Realisierung Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit bedeutet die Verbindung von realitätsnaher Sicht und erkenntnis- und handlungsleitenden Gefühlen. Angst wird auf die Auslöser aus der Umwelt rückführ- und damit bearbeitbar. Das eigene Lebensgefühl wird souveräner und zuversichtlicher, da den eigenen Gefühlen und damit auch denen anderer mehr vertraut werden kann der Gemeinschaftssinn wird gestärkt.

Innerer Zwang vs. verallgemeinerte Motivation

Denken und Fühlen bilden als Grundlage jeden Handelns den Handlungswillen eines Menschen. Handlungsgründe und emotionale Verfasstheit verdichten sich zur Motivation. Im Modus der Realisierung Restriktiver Handlungsfähigkeit kommen eine verzerrte Weltsicht und abgeschnittene Gefühle zusammen und versperren der handelnden Person die Möglichkeit, souverän im erkannten eigenen Interesse zu handeln. Stattdessen werden die Handlungsanforderungen, die andere vor allem wirkungsvoll unterdrückende Menschen an einen stellen, innerlich als eigene Interessen uminterpretiert, um dem Konflikt mit den Unterdrückern auszuweichen. Handeln findet so auf der Basis eines quasi »inneren Zwangs« (ebd., 412) statt.

Motivation im Rahmen der Realisierung Verallgemeinerter Handlungsfähigkeit bildet sich dagegen auf der Grundlage der erkannten eigenen Interessen. Der Zusammenschluss mit anderen ist gleichzeitig Weg und gezogene Konsequenz. Zentraler Prüfstein motivierten Handelns ist dabei immer die Einschätzung der Adäquatheit der eigenen Fähigkeiten bezogen auf die gemeinsam erschließbaren Möglichkeiten zur gleichzeitigen Verbesserung der eigenen Lebenssituatuion und der Teilhabe an der gesellschaftlichen Lebenssicherung (vgl. Ute Osterkamp, Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 2, 1976, 75).