Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein

Jeder Mensch wächst in einer Familie auf. Manche lieben ihre, manche hassen sie. Ole Dreier hat eine fundierte Analyse der Beziehungen innerhalb der Familie und die sich teilweise daraus ergebenden Charaktereigenschaften vorgelegt. »Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein« ist klassische Kritische Psychologie praktisch angewandt.

Eric Recke

Seit Beginn der Menschheitsgeschichte ist der Ort des Aufwachsens für Menschen die Familie. Sie existierte in unterschiedlichen Gemeinschaftsformen vom Sippenverband über Großfamiliensiedlungen bis hin zur modernen Stadt. Immer änderte sich die Familie mit der Wirtschafts- und damit der Vergesellschaftungsweise. Im Kapitalismus der westlichen Industrienationen leben Familien größtenteils in Städten und ihre Lebensweise wird maßgeblich von ihrer Klassenlage bestimmt:

Gehören sie wie die Mehrheit der Arbeiterklasse an und werden ausgebeutet? Gehören sie dem Kleinbürgertum an und sichern sie ihren Lebensunterhalt zum Teil auch selbst dadurch, dass sie andere ausbeuten? Oder gehören sie zu den Kapitalisten und leben ausschließlich von der Ausbeutung anderer Menschen?

Das Buch »Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein«

Ole Dreier hat in seinem Buch »Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein. Therapeutische Analyse einer Arbeiterfamilie« die Lebensbedingungen und die Persönlichkeitsstrukturen einer Arbeiterfamilie untersucht und dabei ein Werk produziert, was in beeindruckender Weise anhand eines konkreten Falles verallgemeinerungsfähige Aussagen über das generelle Leben und die Persönlichkeitsstrukturen von Arbeiterfamilien macht.

Der Vater als tyischer Lohnarbeiter agiert rigide und zieht sich von der familiären Beziehungsgestaltung zurück, während er gleichzeitig stark unter Druck steht, seine Lohnhöhe zu verbessern, obwohl die Arbeit ihn aussaugt und kaputt macht. Die Mutter als typische Hausfrau muss die Konflikte zu Hause regulieren, wozu auch Verdeckung und Unterdrückung gehören, und hat gleichzeitig die nie enden wollende, monoton sich wiederholende Hausarbeit an den Hacken.

Jedes Familienmitglied unter der Lupe

Die Tocher wird zur zukünftigen Hausfrau erzogen und soll sich in die Rolle der dienstbaren Frau fügen. Der Sohn bricht dauernd Streits vom Zaun und stört das Spiel der Schwester. Beide sollen früh die Eigentumsstruktur der kapitalistischen Gesellschaft lernen und geraten regelmäßig in Konflikte mit ihren Eltern, die selbst keine klare Haltung in Erziehungs- und erst recht nicht in Lebensfragen an den Tag legen. So wird der Familienalltag manchmal zur sprichwörtlichen Hölle, wenn die Modi der Realisierung »Restriktiver Handlungsfähigkeit« überwiegen.

Dreier gelingt es, alle untersuchten Konflikte auf die gesellschaftlichen Beziehungen und Lebenstätigkeiten der Familienmitglieder rückzubeziehen und schafft damit den Lesenden Einsicht in die Wirkweise der kapitalistischen Wirtschaft und der dazugehörigen bürgerlichen Gesellschaft auf die Persönlichkeitsstruktur der Familienmitglieder. Insbesondere die Erkenntnis der typischen Handlungsweisen bietet reichhaltig Ansatzpunkte für weitere Forschungsvorhaben sowie ebenfalls eine Verbesserung der eigenen Beziehungs- und Familiengestaltung.

Die neue Familie

Denn: In der Durcharbeitung der typischen Familienkonflikte scheint auf, dass bei positiver Lösung die Lebensgemeinschaft Familie (heute etwas moderner gesagt: in welcher geschlechtlichen oder generationellen Form auch immer) sowie auch nicht-familiäre Zusammenlebensformen zu einem Ort der produktiven Erholung, der gegenseitigen Alltagshilfe und der sinnstiftenden Perspektivbildung für das gemeinsame Leben werden kann aber auch, dass dies ohne das Durcharbeiten nicht möglich ist, wofür erstmal die Einsicht darin, dass es sich meist um typische Konflikte handelt, die sich hauptseitig aus der Lebenslage ergeben, erforderlich ist. Dabei ist Dreiers Buch unmittelbar hilfreich.