Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung

Menschliche Motivation wurde selten so realitätsnah analysiert, wie in Ute Holzkamp-Osterkamps Büchern »Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung I und II«. Im zweiten Buch zeigt sie sogar alle Fehler der Psychoanalyse auf – ein Klassiker der Kritischen Psychologie.

Eric Recke

Weil wir unser Leben durch Arbeit sichern, war die Frage, was uns zur Arbeit antreibt, schon immer von zentraler Bedeutung. Arbeite ich, weil mir der Arbeitsinhalt wichtig ist oder weil ich dafür Geld bekomme? Weil ich Spaß an der Arbeit mit den KollegInnen habe oder weil ich Angst habe, mich sonst zu Tode zu langweilen?

Die Kritische Psychologie hat sich der psychologischen Motivationsforschung zugewandt und analysiert, was die traditionelle Psychologie zur menschlichen Motivation zu sagen hat. Das Ziel: Eine kritisch-psychologisch fundierte Motivationstheorie, die die menschliche Persönlichkeit im Bereich der Motivation wirklich begreifbar macht.

Psychologische Motivationsforschung I und II

Hauptverantwortlich dafür war Ute Holzkamp-Osterkamp, die sich – um es mit den Worten von Klaus Holzkamp zu sagen – »zwei Jahre eingebuddelt und nur Biologie gelernt« hat. Herausgekommen ist dabei – als ihre erfolgreich abgeschlossene Promotions- sowie Habilitationsarbeit – der Doppelband »Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung I und II«.

Dieser hat zwei Dinge geleistet: die historische Rekonstruktion der Motivation von den tierischen bis zu den menschlichen Formen sowie eine kritische Reinterpretation der Theorie der Freudschen Psychoanalyse als höchstentwickelter traditioneller Psychologie mit eigenständigen Aussagen zur menschlichen Motivation.

Die naturgeschichtliche Gewordenheit der Motivation

Nachdem H.-Osterkamp zu Beginn des ersten Teilbandes die traditionell-psychologischen Motivationstheorien als Wissen zur Intensivierung der Ausbeutung unter den Bedingungen des Zwangs zur Lohnarbeit entlarvt, entwickelt sie eine eindrucksvolle Einsicht in die dialektische Verbundenheit von angeborenen und durch Erfahrung erworbenen Antriebsgrundlagen von Tieren.

Darauf folgt die Analyse des Übergangs zur sowie der spezifisch menschlichen Stufe der Vergesellschaftung. Die »gesellschaftliche Natur des Menschen« wird illustriert dargelegt und unter den Bedingungen von Klassengesellschaften expliziert. Der zweite Band der Motivationsforschung beginnt daran anknüpfend mit den menschlichen Bedürfnissen. Diese werden in »produktive« (deren Befriedigung die gemeinsame Handlungsfähigkeit unmittelbar erweitert) wie Arbeit und Planung sowie »sinnlich-vitale« wie Essen, Schlafen und Sex unterteilt.

Menschliche Motivation

Nach einer vertieften Analyse von menschlicher Motivation als Risikobereitschaft zur Übernahme gesellschaftlich nützlicher Teilziele unter den Bedingungen der für den Kapitalismus charakteristischen Existenzform des Lohnarbeiters, werden zur Abrundung die bis 1976 existierenden einschlägigen sozialistischen Motivationstheorien von Rubinstein, Leontjew und Sève kritisiert.

Abschluss des zweiten Bandes bildet dann die kritische Reinterpretation der Psychoanalyse – eine wahre Fundgrube von Einsichten in die Funktionsweise der Psyche, bei der H.-Osterkamp nachweisen kann, dass Freuds Beobachtungen durchaus vorhandenen Seiten der Realität entsprechen, sie aber vom Standpunkt eines egoistischen, von der Gesellschaft getrennten und durch sie behinderten, Individuums interpretiert wurden und deshalb eine verzerrte Sichtweise auf die Realität darstellen. Mit der Erweiterung ihrer Kritik an der Freudschen Therapiekonzeption zeigt H.-Osterkamp erste Schritte einer kritisch-psychologischen Therapie auf, deren Prüfung und Ausbau bis heute ihrer Realisierung harren.