Psychotherapie und politisches Handeln

Psychotherapie ist schon lange umkämpft: Was wird warum therapiert und worin sollen sich psychisch »gestörte« Menschen einfinden? Klaus Holzkamp und Ute Holzkamp-Osterkamp haben mit Manfred Kappeler ein klassisches Lehrstück über einen Therapiefall und die sich daran anknüpfende politische Auseinandersetzung veröffentlicht: »Psychologische Therapie und politisches Handeln«.

Eric Recke

In der BRD existieren vier kassenärztlich anerkannte Verfahren für Psychotherapie: die Verhaltenstherapie, die systemische Therapie, die Psychoanalyse und die tiefenpsychologisch fundierte Therapie. Diesen vier ist eigen, dass sie sich auf das hilfesuchende (oder zur “Annahme von Hilfe” gezwungene) Individuum oder, wie bei der systemischen Therapie, maximal auf ihr persönliches Nahumfeld konzentrieren und versuchen, dieses Individuum in Gesellschaft handlungsfähig zu machen.

Dabei bleiben üblicherweise die Frage, in welcher Gesellschaft handlungsfähig gemacht wird sowie, was die gesellschaftlichen Ursachen für die Handlungsunfähigkeit bzw. für die »Realisierung restriktiver Handlungsfähigkeit« – sind, außen vor. Psychotherapie erscheint so als gesellschaftlich vorgehaltenes Mittel, um Menschen in die kapitalistische Klassen»realität« zu (re-)integrieren, ohne die Ursachen für ihre Desintegration untersuchen, geschweige denn verändern zu müssen.

Kritisch-Psychologische Psychotherapie

Im Angesicht der damit verbundenen Probleme hat die Kritische Psychologie einige Werke zur Weiterentwicklung therapeutischer Praxis vorgelegt: Eine Aufhebung der positiven Aspekte der psychoanalytischen Therapie durch Ute Holzkamp-Osterkamp, eine exemplarisch beschriebene Therapie einer Arbeiterfamilie durch Ole Dreier sowie eine Analyse der politischen Umkämpftheit einer, in einer psychoanalytischen Therapie erarbeiteten, Examensarbeit zum staatlich geprüften Psychotherapeuten durch Klaus Holzkamp und Ute Holzkamp-Osterkamp mit dem Titel »Psychologische Therapie und politisches Handeln«.

In diesem Buch wird die Examensarbeit von Manfred Kappeler diskutiert, der beim Berliner “Institut für Psychotherapie e.V.” versuchte, seinen Abschluss als Psychotherapeut zu erlangen, was aber vom Westberliner SPD-Senat politisch verhindert wurde. Manfred Kappeler stellt seiner Arbeit zunächst eine erhellende Einführung in das Westberliner Verfahren, um zu einem solchen Abschluss zu kommen vor und zeigt dabei die große Abhängigkeit der KandidatInnen von ihren AusbilderInnen auf kein großer Unterschied zu heute.

Psychologische Therapie politisch umkämpft

Den nächsten Abschnitt stellt dann Kappelers Examensarbeit dar, die es in sich hat: In eleganter Weise reflektiert er eine seiner Therapien mit einem Jugendlichen, der wegen Schulproblemen zu Kappeler in die Therapie kam. Mit dem Fortschritt der Therapie entfaltet sich das Bild eines breiten aber typisch erscheinenden Geflechtes von problematischen Verhaltensweisen des Jungen und seiner Familie, in dem jedoch durch Kappeler sehr eindrücklich die Bedingungen für diese Verhaltensweisen in der kapitalistischen Gesellschaft unter besonderer Beachtung der Schule als Normierungs- und Zurichtungsinstanz herausgearbeitet werden.

Gleichzeitig reflektiert Kappeler die Unzulänglichkeiten seines psychoanalytischen Theorieansatzes und nähert sich sozusagen live für die Lesenden mit verfolgbar –, ohne vorher besonders einschlägig mit dieser in Kontakt gekommen zu sein, den Erkenntnissen der Kritischen Psychologie an. Seine Arbeit wird darauf als nicht bestanden gewertet, wogegen zahlreiche Psychologie-Lehrende öffentlich protestieren. Darauf greift der Senat ein und stärkt dem Ausbildungsinstitut in allen Punkten den Rücken. Hinten im Buch sind fein säuberlich die mitunter offenkundig rechtswidrige Handlungen vorschlagenden Korrespondenzen zwischen Institut und Senat dokumentiert, da diese im Rahmen eines in der Sache geführten Gerichtsverfahren zugänglich gemacht werden mussten.

Psychologische Therapie und politisches Handeln

Der beeindruckenste Teil des Buches ist jedoch der Kommentar von Klaus Holzkamp und Ute Holzkamp-Osterkamp zu dieser Auseinandersetzung, in dem diese seinen skizzierten Therapieverlauf sowie seine Reflektion desselben würdigen und die Emotions-, Motivations- und Bedürfniskonzepte der Kritischen Psychologie verdichtet darlegen. Daran anknüpfend schildern sie die kritisch-psychologische Therapiekonzeption, die sie in großen Teilen bei Kappeler auch beobachteten, sowie deren notwendiges Ansetzen an den gesellschaftlichen Beziehungen der Therapierten in Schule, Beruf und Familie.

Ein Streitpunkt, welcher den Senat und das Institut scheinbar ursprünglich mit zum Intervenieren anregte, war Kappelers radikale Kritik an der Schule und ihren Mechanismen sowie dessen positive Bewertung der rasanten Politisierung des von ihm therapierten Jugendlichen ein offensichtlicher Affront gegen gesellschaftliche Kräfte, die sich an der institutionalisierten Aufrechterhaltung der kapitalistischen Gesellschaft und ihren Zurichtungsinstitutionen beteiligen, den Holzkamp und H.-Osterkamp in dem Buch breitwillig argumentativ unterstützen.

Auch wenn H.-Osterkamp diese Unterstützung 2015 in den Holzkamp Schriften VI, wo der Text nochmal abgedruckt wurde, insoweit relativiert, dass sie Holzkamp, Kappeler und sich selbst attestiert, zu wenig die Bedingungen reflektiert zu haben, unter denen ihr eigenes Wissen um die Problematik der Eingebundenheit in die kapitalistische Gesellschaft zustande kam und so ihr eigenes Handeln zu wenig kritisch gesehen zu haben.