Ole Dreier

Ole Dreier hat das berühmte kritisch-psychologische Praxisbuch »Familiäres Sein und familiäres Bewusstsein« geschrieben und spricht im Interview über seinen Zugang zur Kritischen Psychologie in Dänemark und die Forschung, die er sich in der Kritischen Psychologie in Zukunft wünscht.

Das Interview führte Eric Recke

1. Du giltst als der Begründer des dänischen Zweiges der Kritischen Psychologie. Wie bist Du dazu gekommen?

Ich begann 1965 Psychologie an der Universität Kopenhagen zu studieren. Der Entwicklungsstand psychologischer Theorie und Praxis enttäuschte mich aber sehr, insbesondere ihre Ausblendung der gesellschaftlichen Dimensionen. Als Teil der 68-Studentenbewegung suchte ich nach kritischen marxistischen Zugängen, auch in den Gesellschaftswissenschaften und der Philosophie. Und als junger Mitarbeiter am Institut für Psychologie in Kopenhagen entdeckte ich dann Leontjews Buch »Probleme der Entwicklung des Psychischen« mit einer Einleitung von Klaus Holzkamp und Volker Schurig sowie die ersten Bände der »Texte zur Kritischen Psychologie« von Holzkamp, Schurig und Ute Osterkamp. Sie haben mich zutiefst beeindruckt und schon damals wollte ich die kritische Theorieentwicklung als Kritik und Anleitung für die Berufspraxis von Psychologen mit der Praxisverankerung als empirische Impulse für die Theorieentwicklung verknüpfen. Mein erster Versuch mündete 1977 in meiner Doktorarbeit mit einer kritisch-psychologischen Fallanalyse einer Familientherapie. Unmittelbar darauf nahm ich mit dem Kreis der Kritischen Psychologen in Berlin direkten Kontakt auf. Es stellte sich heraus, dass der erste internationale Kongress Kritische Psychologie in Marburg gerade in Vorbereitung war und ich wurde im Programm aufgenommen. Seitdem habe ich an diesem für mich nach wie vor bedeutsamsten Arbeitszusammenhang festgehalten und zur Entwicklung der Kritischen Psychologie beigetragen. Zunächst vermittelte ich eine Gastprofessur für Frigga Haug und dann Christof Ohm in Kopenhagen, wo unter den Studenten großes Interesse an der Kritischen Psychologie bestand. Ich übersetzte einen Band von Aufsätzen (Holzkamp, Osterkamp, Schurig, W. Haug und F. Haug) ins Dänische und meine Doktorarbeit erschien 1980 in den »Texten zur Kritischen Psychologie«. Ich trat in die Redaktion des »Forum Kritische Psychologie« ein und nahm an den folgenden Kongressen Kritische Psychologie, an Ferienuniversitäten, Theorie-Praxis-Konferenzen und Blockseminaren teil. Mit Morus Markard in Berlin und Kurt Bader in Lüneburg organisierte ich hier und dort gemeinsame Blockseminare für deutsche und dänische Studenten. In Dänemark trieb ich stets die Verankerung und Verbreitung der Kritischen Psychologie voran. Heute arbeiten viele Angestellte an den dänischen Universitäten (darunter ein paar aus Berlin) und Hochschulen mit der Kritischen Psychologie. Neuere Veränderungen im dänischen Schulwesen schränken leider eine breite Rezeption von Texten auf Deutsch ein. Auch aus dem Grunde veröffentliche ich mehr auf Englisch.

2. Warum erscheint Dir die Kritische Psychologie heute weiter relevant?

Ihre historisch-genetische und gesellschaftliche Herangehensweise hat einen neuen Zugang zum Gegenstand der Psychologie hervorgebracht. Sie hat zu einer kritischen Subjektwissenschaft geführt, die menschliche Subjekte in ihren gesellschaftlichen Handlungszusammenhängen begreift statt einen reduzierten Weltbezug als Grundmerkmal von Wissenschaft zu rühmen. Damit hat sie neue Inhalte, Begriffe und Fragestellungen sowie neue Perspektiven auf alt bekannte Themen in der Psychologie eingeführt. Ihre fachspezifische Integration marxistischen Denkens in die Psychologie hat Dimensionen der Kritik eröffnet, die alle Menschen als Subjekte umfasst und eine kritische, fachliche Grundlage dafür schafft, dass Psychologen Kritik in der Arbeit als Psychologen ausüben. Sie ermöglicht Psychologen, sich nicht in den Widersprüchen des Denkens und Handelns verstricken zu müssen, die aus der Ergänzung marxistischer Gesellschaftswissenschaft mit einem damit unvereinbaren theoretischen psychologischen Standpunkt entstehen. In seinem Interview hebt Renatus Schenkel die »kritischen und offenen Diskussionen auf Augenhöhe« hervor. Sie beruhen auf der konsequenten Festhaltung des Subjektstandpunkts in Bezug auf alle Beteiligten und widersprechen gerade im Studium jedweder Tendenz professoraler Selbsterhöhung. Schließlich vergewissern uns selbst kurze Begegnungen mit traditionellen psychologischen Theorien, dass der grundwissenschaftliche Vorsprung und die Integrationskraft der Kritischen Psychologie nicht überholt sind. Die Kritische Psychologie hat sich auch in mehreren Sprüngen weiterentwickelt und muss dies tun, um relevant zu bleiben und als Bestandteil einer lebendigen historischen marxistischen Tradition zu bestehen.

3. Wie schätzt Du den Stand der internationalen Verbreitung der Kritischen Psychologie ein?

Ich habe mich für die Verbreitung und künftige Präsenz der Kritischen Psychologie an Universitäten in mehreren Ländern bei Kongressen, in Zeitschriften, Büchern, Vorträgen, Kursen und Gastaufenthalten eingesetzt. Dabei hat mich oft überrascht, wie verbreitet die Kenntnis und das Interesse an der Kritischen Psychologie schon sind. Wegen Sprachbarrieren ist sie aber nur in besonderen Ausschnitten und in kleineren Kreisen bekannt, die oft Andere, die sich (gar im selben Lande) ebenso dafür interessieren, nicht kennen. Bei der Lage gewinnt man keinen genauen Überblick über ihre Verbreitung. Aber es gibt in allen Kontinenten Personen oder Kreise, die sich damit beschäftigen, und ich stoße immer wieder auf neue Personen in neuen Ländern. Die Verbreitungsmöglichkeiten liegen also auf der Hand.

4. An welchen Themen im Bereich der Kritischen Psychologie arbeitest Du gerade?

Meine Arbeit wechselt zwischen primär praxisbezogenen und theoretischen Themen. Im Vordergrund stand lange Zeit die empirische Erforschung von Subjekten in Praxen und die damit verknüpften Begriffsentwicklungen, die ich vor allem in Verbindung mit Therapie betrieb. Klienten als Subjekte begreifen, erfordert sie in ihren wechselnden, situierten Teilnahmen in den verschiedenen gesellschaftlichen Handlungszusammenhängen ihres Alltagslebens zu fassen. In diesen Zusammenhängen sind sie mit verschiedenen gesellschaftlichen Zwecken, strukturellen Arrangements und Positionen verbunden und stehen mit verschiedenen anderen Teilnehmern in Verbund und Widerspruch. Ihre subjektive Betroffenheit und Handlungsmöglichkeiten sowie das Vorkommen, der Verlauf und die Veränderungsmöglichkeiten ihrer Probleme wechseln also zwischen ihren Therapiesitzungen, ihrer Familie, Arbeit, Schule, usw. Ihre individuelle Subjektivität ist somit unauflöslich in ihrer situierten Teilnahme und Lebensführung verankert. Dort hängen ihre Probleme mit der Re-produktion oder Veränderung konkreter Praxen zusammen und sie müssen eine Veränderung ihrer Probleme durch ihre wechselnden Zusammenhänge verfolgen. Ihre subjektiven Veränderungen beruhen auf ihrem Lernen, das sich als ein oft unterbrochener, wieder aufgenommener, situiert revidierter und unabschließbarer Prozess vollzieht, der in ihrer alltäglichen Lebensführung eingebunden ist und diese auch betrifft. Ihr Lernen wird also nicht in der Therapiesitzung vollendet und bloß nachher anderswo verwendet. Diese traditionelle Auffassung über Lernen führt dazu, die Wirkung von Therapie dem Therapeuten zuzuschreiben, als hätte er sie durch sein Verfahren in der Sitzung verursacht, und als wäre, was der Klient mit Aspekten seiner Sitzung anfängt, bloß eine Wirkung des Therapeuten. Schullernen wird traditionell ähnlich erfasst, als wäre es von dem Lehrer und den Lehrmitteln verursacht und von dem Schüler im Klassenzimmer vollzogen. Solche ähnlichen Auffassungen in verschiedenen Praxisbereichen beruhen unvermerkt auf ähnlichen strukturellen Arrangements von Expertenpraxen, die Praxen anderswo beeinflussen sollen. Eine in ausgesonderten Räumen ausgeübte Expertise soll die Beteiligung der Klienten anderswo beeinflussen bzw. kontrollieren. Das traditionelle Wissen über solche Praxen rechtfertigt solche institutionellen Arrangements und Positionen. Die entsprechende Auffassung über Praxis als eine bloß allgemeine Verwendung von anderswo angeeigneten Theorien, Denken und Verfahren, die das gesellschaftliche Arrangement von Praxisstrukturen in Handlungszusammenhängen ausblendet, muss überwunden werden. Stattdessen müssen Klienten wie Therapeuten und Schüler wie Lehrer als situierte Teilnehmer erfasst werden, die sich lernend durch verschiedene Handlungszusammenhänge bewegen.

5. Welche Forschungsfragen sollten Deiner Meinung nach dringend weiter in der Kritischen Psychologie bearbeitet werden?

Es gibt ungeheuer viel zu tun:

Erstens muss vieles über die erwähnten Forschungsthemen und -fragen weiter aufgearbeitet werden.

Zweitens müssen viele neue Praxisforschungsprojekte über verschiedene Praxen kritisches Wissen über diese Praxen, ihre Arrangements und Bedeutungen für die teilnehmenden Subjekte aufbauen. Damit können die Probleme der Teilnehmer in ihren Praxen verankert, die Möglichkeiten und Gründe der Veränderung von Praxen und Subjekten erfasst und die Konzepte und Methoden von Praxisforschung ausgebaut werden.

Drittens muss die situierte Konzeption von Subjektivität weiter ausgearbeitet werden. Beispielsweise muss der Begriff der subjektiven Befindlichkeit das wie ich mich befinde und das wo ich mich befinde miteinander verknüpfen. Ähnliches gilt für die subjektiven Handlungsgründe. Subjektivität in einer Szene der Lebensführung unverkürzt begreifen, erfordert ebenso diese Szene im konkreten Zusammenhang der alltäglichen Lebensführung des individuellen Subjekts in gesellschaftlichen Praxisstrukturen zu bestimmen. Untersucht man nur ihre Vermitteltheit über eine übergreifende Gesellschaftsstruktur, bleibt die Bestimmung der Subjektivität zu dünn, allgemein und unkonkret. Als körperliche Wesen sind menschliche Subjekte immer situiert und bewegen sich durch wechselnde Zusammenhänge gesellschaftlicher Praxis, wo sie mit Aspekten übergreifender Struktur in verschiedener Weise verbunden sind.

Viertens wurden die allgemeinen psychischen Funktionsaspekte von Wahrnehmung und Beobachtung, Vorstellung und Denken, Emotion und Motivation sowie ihre Modifizierbarkeit durch Lernen früher als Mittel der Handlungsfähigkeit des Subjekts bestimmt. In neueren Analysen über Subjektivität und Lebensführung treten sie aber in den Hintergrund. Versucht man allgemeine Funktionsbestimmungen direkt im Konkreten wiederzufinden, als ob sie immer in identischer Qualität und Dynamik auftreten, gelingt Ihre Verknüpfung mit konkreter Subjektivität nicht. Stattdessen müssen sie als variierende Funktionsaspekte in variierenden dynamischen Zusammenhängen mit anderen Funktionsaspekten in der laufenden, situierten Teilnahme des Subjekts in variierenden Handlungszusammenhängen bestimmt werden. Ihre konkreten Qualitäten und dynamischen Bedeutungen entfalten sich in und mit der Tätigkeit des Subjekts in einem konkreten Zusammenhang und werden durch Veränderungen der Praxis und das Lernen des Subjekts modifiziert. In dieser Weise können wir die allgemeinen psychischen Funktionen mit der Subjektivität von konkreter Erfahrung, Handlung und Teilnahme in der Perspektive erster Person verbinden und die Untrennbarkeit von Psyche, Handlung, Teilnahme, Lebensführung und gesellschaftlicher Praxis beibehalten. Die historischen Veränderungen des Zusammenhangs zwischen den Teilnahmen von Subjekten in Zusammenhängen und den Qualitäten und Verbindungen ihrer subjektiven/psychischen Aspekte können ebenso in der Weise untersucht werden. Bei der Überwindung abstrakter Diagnosekonzepte in der Erfassung von darunter subsumierten, konkreten leidenden Subjekten findet man eine ähnliche Problematik.

Fünftens trat der Begriff des Zusammenhangs vor allem im Begriff des Handlungszusammenhangs auf, aber er muss kategorial aufgradiert und breiter gefasst werden. Die untrennbare aber situiert variierende Verbundenheit von Psyche, Handlung und gesellschaftlich arrangierter Praxisstruktur soll damit begrifflich festhalten werden. Leontjew hat den Begriff des Zusammenhangs bereits in seiner Analyse der Entstehung der elementarsten Stufe des Psychischen in der Phylogenese benutzt. Er hebt hervor, dass die psychische Sensibilität in und mit der Aktivität zusammenhängt, die sich auf miteinander verbundene Eigenschaften der Umwelt bezieht. Im Laufe der Psychophylogenese entfaltet der Zusammenhang von Psyche und Welt in und durch die Aktivität neue, komplexe Verbindungen, die durch Umweltveränderungen und Lernen modifizierbar werden. In der Analyse von höheren Stufen der Phylogenese und bei Menschen wurde dieser Zugang nicht konsequent festgehalten. Ein komplexeres, allgemeines inneres Wechselspiel zwischen psychischen Funktionen wurde hier hervorgehoben, wobei das Handeln erst als Ausgang der inneren Verarbeitung bzw. Reflexion hinzugefügt wurde. Stattdessen muss das komplexe, konkrete Zusammenspiel zwischen psychischen Prozessen in und mit der laufenden Tätigkeit des Subjekts in seiner situierten Teilnahme in einem Praxiszusammenhang verankert werden. Das reiche, komplexe, laufende, variierende und veränderbare Zusammenspiel zwischen subjektiven Prozessen und Teilnahme an Praxisstrukturen wird ansonsten nicht fassbar.

Sechstens hängt diese Problematik mit einer grundlegenden methodologischen Problematik zusammen. Die Variablenmethodologie der traditionellen Psychologie verlangt die Isolation der Forschungssituation und Kontrolle über ihre voneinander und allem Anderen isolierten Elementen. Diese Auffassung dominiert ebenso die traditionelle Forschung über Berufspraxis (in jüngster Zeit durch die Evidenzwelle) und beeinflusst damit die Bewertung und das Selbstverständnis der Berufspraktiker. Es ist aber fragwürdig, dies als einzige Form von Stringenz nachzuahmen. Sich in Forschung und Praxis auf etwas zu konzentrieren, führt dann dazu, es von allem Anderen zu isolieren und in einem fixierten Kausalzusammenhang zu betrachten. Aspekte sind dann in Elemente verwandelt, die ihr eigenes Wesen in sich besitzen, während ihr alltäglicher Zusammenhang unwesentlich und störend bleibt. Die Bedeutung des praktischen Arrangements von Forschung in ausgesonderten Institutionen und Situationen wird ebenso übersehen. Wir müssen also eine Methodologie der Erforschung von Zusammenhängen weiterentwickeln, die das Denken in ausgesonderten, isolierten Elementen überwindet und ein breiteres Verständnis von Erkenntnis und Expertise fördert. Kritisch-psychologische Forschung über ausgesonderte Einzelsituationen und -szenen muss ebenso diese als ausgesonderte Anteile von Zusammenhängen begreifen.

Siebtens müssen wir eine Neukonzeption von Expertise aufbauen, um Zusammenhangsblindheit und Expertokratie zu überwinden.

Ole Dreier ist emeritierter Professor für Psychologie an der Universität Kopenhagen und praktizierender Psychotherapeut. Das Interview stammt vom 8. Februar 2020.