Was Ohnmacht macht – Das Attentat von Hanau und die Psychologie der Gegenwart

Am Attentat von Hanau wurde deutlich: Die Zuschreibung »Verschwörungstheoretiker« soll staatliche Überwachung, Psychotherapie und Medikation begründen anstatt nach den gesellschaftlichen Ursachen für die Situation zu fragen.

Sara Müller

Wenn eine »Wahnsinnstat« zu beklagen ist, haben Psychologie und Psychiatrie Konjunktur. Diese Disziplinen sollen dann »erklären«, wie so jemand tickt. Jemand wie jener Mann, der jüngst in Hanau in zwei Shisha-Bars eindrang, um Menschen zu erschießen. Und da solche Personen oft verstanden werden wollen und daher »Manifeste« hinterlassen, sind Ferndiagnosen schnell zur Hand: Psychische Erkrankung in Einheit mit (rassistischer) »Verschwörungstheorie«, lautet im Fall des Hanau-Attentäters der verbreitete Befund.

So auch im »Neuen Deutschland«, in dem – am 22. Februar – der Psychologe Sebastian Bartoschek anhand des hinterlassenen Schrift- und Videomaterials beim Täter »Schizophreniemuster« erkannte: ein »Verschwörungstheoretiker«, der sich von »normalen« Verschwörungstheoretikern durch seine psychische Erkrankung unterschieden habe.

Aus dieser Diagnose entwickelt Bartoschek Theorie und »Therapie«: Die Zahl der Menschen steige, die zu »Verschwörungstheorien« eine Affinität hätten. Diese empfänden mangels Erklärungsansätzen für die Zustände der Welt ein Ohnmachtsgefühl, das sie mithilfe solcher Denkgebäude zu einem Macht- und Selbstwirksamkeitsgefühl umkehrten – und würden darin noch bestärkt, seit derartige Verschwörungsdiskurse im Mainstream angekommen seien. Es helfe hier eine Mischung aus Repression und Aufklärung, etwa durch »Sensibilisierung« des Verfassungsschutzes oder Cybersozialarbeiter. Denjenigen aber, die darüber hinaus die Kriterien einer psychiatrischen Diagnose erfüllten, sei durch Psychotherapie und/oder Medikation zu helfen.

Hanau zeigt: Man muss das »Wahnsystem« verstehen

Solche Vorschläge sind typisch für die akademische Psychologie. In ihrer Fokussierung auf Symptombekämpfung und Schadensbegrenzung gehen sie von individualistischen Prämissen aus – und laufen, häufig implizit, auf solche auch hinaus. Auf der Strecke bleibt die Auseinandersetzung mit kollektiven, gesellschaftlichen Ursachen solcher Symptome: Wieso mangelt es so vielen an Selbstwirksamkeitserfahrungen? Woher kommen diese Ohnmachtsgefühle?

Die individualisierende, mutmaßende Perspektive der psychiatrischen Diagnostik bleibt systematisch an der Oberfläche: Die Frage nach Ursachen und Auslösern von Erkrankungen, die Ätiologie, beschränkt sich in der aktuellen psychologischen Forschung wie Praxis weitgehend auf individuelle Umstände. Man blickt auf Faktoren wie genetische Veranlagung, das unmittelbare, etwa familiäre, soziale Umfeld, auf individuelle Fähigkeiten und Fertigkeiten. Gesellschaftliche, strukturelle Einflüsse tauchen höchstens in wiederum auf den Einzelnen bezogenen Befunden wie »Stress« auf oder können dort vermutet werden.

Diese Herangehensweise provoziert auch hinsichtlich der Tat von Hanau die Einschätzung, dass es sich um ein Problem des Einzelfalls handelt. Wenn aber die Einschätzung korrekt ist, dass »verschwörungstheoretisches Denken« zum Mainstream gehört – spätestens dann –, stellt sich die Frage, inwieweit unsere gesellschaftlichen Verhältnisse dieses Phänomen hervorrufen. Und um diese Frage zu beantworten, brauchen wir eine Psychologie, die individuelle und strukturelle Gegebenheiten zusammenführt.

Natürlich ist das keine neue Idee. Zu einem Zeitpunkt, als die Psychologie als eigenständiges Fach noch kaum existierte, verwies die Philosophin Anna Tumarkin (1875- 1951) bereits auf diese Wechselbeziehung zwischen personen- und gesellschaftsbezogenen Dimensionen: Die »geistige Krankheit« sei »das Produkt einer Auseinandersetzung zwischen dem Willen zur individuellen Selbsterhaltung und dem Willen zur Objektivität des Bewusstseinsinhaltes«, schreibt Tumarkin, »zwischen dem subjektiven und objektiven Zweck des Lebens, deren harmonischen Ausgleich der Kranke aus inneren oder äußeren Gründen nicht mehr zu finden vermag«. Ein solches »Wahnsystem« zu »verstehen« heiße nicht, sich gefühlsmäßig in dieses zu versenken. Sondern zu rekonstruieren, »warum gerade dieser Wahn für den Kranken zur Lebensnotwendigkeit wurde, als Rettung, als Flucht aus der unerträglichen Wirklichkeit, warum der Zweck der individuellen Selbsterhaltung es für ihn notwendig machte, das Bild der Wirklichkeit in dieser Weise zu verfälschen.«

Die Abqualifizerung jener Gefühle vergrößert das Problem

Zwischen diesen Ebenen – der scheinbaren Konkretion im einzelnen Fall und der vermeintlichen Abstraktion im Blick auf soziale Ursachen – sollte sich die Psychologie bewegen. Dass diese Wissenschaft auch, wenn nicht zuerst, eine kritische Sozialwissenschaft sein müsse, war im Westdeutschland nach »68« ein durchaus verbreiteter Gedanke. In der Fachwelt begründete Klaus Holzkamp (1927-1995) in diesem Sinn die Kritische Psychologie. Und auch in Journalismus und öffentlicher Meinung mag der Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und gesellschaftlichen Umständen zeitweise thematisiert worden sein.

Doch konnte sich hierzulande die Kritische Psychologie jenseits von Lesezirkeln an den Unis – mit raren Ausnahmen wie Morus Markard – nicht etablieren. Entsprechende Lehrstühle hat es nie gegeben. Auch deshalb ist das Pendel in jüngerer Zeit so weit zurückgeschwungen: Verkürzte Dogmen einer »praktischen«, also mechanistisch-instrumentellen Anwendbarkeit, allgemeine Imperative von Individualisierung und »Eigenverantwortung« sowie individueller Selbstoptimierung wirken in diesem Sinn, in einem Gleichklang etwa mit neoliberalen, neoklassischen Dogmen in der Wirtschaftswissenschaft. Im Alltagsverstand wird diese individualisierende, psychiatrisierende psychologische Perspektive wohl auch von der Flut an »Psychothrillern« über »Serienkiller« plausibel, von der die Kulturindustrie heute so gut lebt.

In Fällen wie »Hanau« zeigt sich jedoch, wie begrenzt diese Orientierung ist. Nicht zuletzt mit dem Blick auf eben die Einzelnen: Wie würden denn Onlineaufklärungseinheiten oder gar eine Art Weltdeutungspolizei auf jene Ohnmacht empfindenden Menschen wirken? Die darin steckende Abqualifizierung kann jene Gefühle fehlender Selbstwirksamkeit bestärken oder neu auslösen. Eine breit angelegte Kampagne gegen Verschwörungstheorien ist wenig sinnvoll, wenn nicht schädlich. Wie bereits die Verwendung des Begriffs im zwischenmenschlichen Umgang. Und hinsichtlich der gesellschaftlichen Ebene ist es unzureichend, die Suche nach strukturellen Faktoren bei der Feststellung oder Behauptung schon abzubrechen, sogenannte Verschwörungstheorien seien eben heute verfügbarer und populärer als zu früheren Zeiten. Tumarkin zufolge sind stets die Umstände zu untersuchen, unter denen solche Theorien populär werden (können), also die »unerträglichen Wirklichkeiten«, die Menschen mit solchen Vorstellungen zu kompensieren versuchen. Diese entstehen in einer Dialektik von Innen- und Außenwelt. Letztere erschließen Menschen in Ersterer – und zugleich bedingt jene Innenwelt die Wahrnehmung und Mitgestaltung dieser Außenwelt: Man kommt also nicht umhin, sich mit »Wirklichkeit« selbst zu beschäftigen und zu fragen, was uns zu einem systematisch ungewissen oder auch übergewissen Verhältnis zur – vermeintlichen – Wirklichkeit führt.

Nach den strukturellen Bedingungen fragen

Nicht nur, aber auch in der gegenwärtigen Psychologie stehen in der Auseinandersetzung mit dem Verschwörungsdenken solche erkenntnistheoretischen Probleme zu sehr am Rande. Wie auch die Frage nach den strukturellen Bedingungen, die einen Mangel von Selbstwirksamkeitserfahrungen und Subjektempfinden tatsächlich zu einem weitverbreiteten Syndrom werden lassen.

Mit Blick auf Letzteres könnte ein Anfang in einer Untersuchung unserer Bildungseinrichtungen auf hierarchisch-autoritäre Züge bestehen oder auch in der Frage, welche Möglichkeiten tatsächlicher demokratischer Mitsprache in der Gegenwartsgesellschaft bestehen. Hinsichtlich des Erstgenannten ließe sich als Ausgangspunkt einer nötigen Umorientierung der psychologischen Wissenschaft in deren Geschichte, insbesondere in der Abspaltung von der Philosophie, rekonstruieren, wie genau, wann und warum es eigentlich zu jenem beschriebenen Pendelschlag kam, der derzeit in der Psychologie fast eine Alleinherrschaft des individualisierenden Denkens bewirkt hat.

Beides würde zwar den – stets etwas voyeuristischen – »Expertisebedarf« der Öffentlichkeit nach so furchtbaren Vorfällen wie in Hanau kurzfristig kaum befriedigen. Längerfristig aber könnte man so zu einem angemesseneren Umgang mit den Bausteinen finden, aus denen sich solche Ereignisse zusammensetzen.

Der Text wurde am 14./15. März im „Nd Die Woche“, S. 18 abgedruckt.