Funktion und Wirkung des Begriffs »Verschwörungstheoretiker« – Vom hörigen Reden zum Sprechen

Der Begriff »Verschwörungstheoretiker« wird seit langem zur Pathologisierung und zur Ausgrenzung von Menschen benutzt, um ihnen die Rationalität ihrer Beweggründe abzusprechen – aktuell wieder bei den Demonstranten gegen die Corona-Lockdown-Maßnahmen. Das ist kein menschenwürdiger Umgang.

Sara Müller

Vorneweg: Als ich den Artikel über die individualisierende Pathologie des Attentäters von Hanau schrieb, ahnte ich nicht, dass der Begriff »Verschwörungstheoretiker« bald – also aktuell in Bezug auf die Covid-19-Situation – massenhaft verwendet würde.

Hier wird nun massenhaft individualisiert und trotz massenhaftem Zuschreiben bleiben Analysen struktureller Bedingungen weitgehend aus. Schließlich wird über die Subjekte gesprochen/geschrieben, statt mit ihnen.

Deshalb soll der Fokus meiner Analyse auf der Funktionalität und Wirkung der gegenwärtigen Nutzung des Begriffs »Verschwörungestheoretiker« liegen,1 die ich in Anlehnung an den Philosophen Günther Anders und sein Werk »Die Antiquiertheit des Menschen« Band I und II ausführen möchte.

In den vergangenen Wochen sind mir ausnahmslos Artikel begegnet, die mit dieser Bezeichnung einen Menschen, eine Menschengruppe oder dessen/deren Meinung/en negativ konnotieren. Häufig wird ohne Argumentation oder Herleitung pauschal disqualifiziert. Anstelle der inhaltlichen Auseinandersetzung mit den be- oder besser: verurteilten Gedankengängen die im Übrigen in wenigen Fällen ausreichend zitiert werden folgen bald Erklärungsansätze für das Aufkommen derartiger oder das Anheimfallen zu derartigen »Verschwörungstheorien«.

Diagnose: Verschwörungstheoretiker

Ich orientiere mich exemplarisch an einem Artikel aus meiner Marburger Regionalzeitung. Zur Einschätzung der Situation wird bei Psycholog*innen Rat gesucht, vermutlich deshalb, weil obgleich es (noch) keine Diagnose »Verschwörungstheoretiker« gibt eine Pathologie vermutet wird. So lautet der Titel meines Referenzartikels »Ist das alles noch normal?«. Interviewt werden eine Professorin für Sozialpsychologie und ein Psychiater/Neurologe. Neben Zitaten von diesen beiden Personen enthält der Artikel folgende vorgeblich aus unterschiedlichen deutschsprachigen und internationalen Studien kondensierte Zusammenstellung »diverser Muster und Motive«, die Menschen erfüllten, die vermehrt an »Verschwörungstheorien« glaubten:

»Sehnsucht nach Klarheit«, »Gefühl eigener Machtlosigkeit«, »Ausgrenzung eines Sündenbocks«, »Sehnsucht nach einem Führer«, »Krise der Männlichkeit« (Oberhessische Presse vom 22.05.2020).

Ich lasse an dieser Stelle außer Acht, dass sich diese Faktoren auf unterschiedlichen Ebenen befinden, nämlich einerseits die Inhalte und andererseits die Beweggründe2 für »Verschwörungstheorien« und deren Gefolgschaft adressieren. Bemerkenswert finde ich, dass diese Erklärungsmuster ebenso vereinfachend (und ausgrenzend) hervortreten, wie es den typischen „Verschwörungstheorien« nachgesagt wird. (In den Hilfeschrei an die Wissenschaft könnte ich zudem selbst eine gewisse Führungssehnsucht hineindeuten.)
Eine weitere Umkehr, nämlich die Annahme einer Verschwörung der »Verschwörungstheoretiker«, begegnete mir eher im privaten Umfeld in ungefähr folgender Aussage: »Die [»Verschwörungstheoretiker«] wollen uns Angst machen.«

Mit welchem Selbstverständnis kann ich annehmen, dass mir jemand Angst machen könnte, von dem/der ich wiederum annehme, dass er/sie Unwahrheiten verbreitet? Eine etwas geläufigere Aussage, die meines Erachtens in dieselbe Kerbe schlägt, lautet in etwa: »Das darf nicht gesagt werden! Das darf xy nicht sagen/schreiben, er*sie muss Verantwortung dafür übernehmen, was er*sie sagt!«3 Dies ist nun erstmal eine klare Aussage gegen die Meinungsfreiheit, aber ich möchte bei der sprechenden Person und ihrem Selbstverständnis bleiben. Sie scheint davon auszugehen, dass sie durch den Sprech-/Schreibakt einer anderen Person beeinflusst wird. Ohne gegenseitige Einflussnahme wäre keine menschliche Interaktion möglich. Wenn mein Gegenüber sich nicht zumindest rudimentär auf meine gesprochenen Worte einlässt, wäre ein Austausch undenkbar. Die bloße Einflussnahme kann das wahrgenommene Problem also nicht erklären; im Gegensatz zur für den*die Empfänger*in unkontrollierten Einflussnahme, die wir geläufig als Manipulation bezeichnen. Nun gibt es viele Manipulationstechniken, einige die unterhalb der Wahrnehmungsschwelle (subliminal) wirken. Ich denke, dass sich die Manipulations-Angst im hier diskutierten Fall nicht auf subliminale, gerichtete Einflussnahme bezieht, sondern vielmehr eine Urteilsunfähigkeitsangst ist. Ich meine damit eine Angst davor, die geäußerten, gelesenen oder gehörten, Gedankeninhalte als die eigenen als eigene Meinung urteilsfrei, also unmittelbar, zu übernehmen.

Gelieferte Fertigurteile…

Das klingt vielleicht weniger abstrakt, wenn wir beim Philosophen Günther Anders in »Die Antiquiertheit des Menschen« lesen, dass er Nachrichten als »Fertigwaren« versteht, die nicht mehr weiterbearbeitet, sondern nur noch konsumiert werden müssen. Jede Nachricht sei bereits ein vorgefertigtes Urteil nämlich ein Urteil über die Wirklichkeit, die nicht ich, sondern die mitteilende Person erfahren hat. Mir fehle also die Erfahrung der Wirklichkeit, und damit gleichsam die Möglichkeit, mir ein Urteil zu bilden. Youtube-Kanäle, Online-Zeitschriften etc. lieferten uns die Urteile, Meinungen ins Haus und ohne Wirklichkeitserfahrung, also die leibliche Erfahrung in der Welt, zum Beispiel vor meiner Haustüre, könne ich mich mit Nachrichten beliefern lassen bzw. würde ich mit Nachrichten beliefert, die die Möglichkeit meines eigenen Urteilens a priori unterbänden und/oder ich die Fähigkeit der Urteilsbildung verlöre oder zumindest nicht (weiter) ausbildete.4 Diese Analyse zuspitzend schreibt Anders im Kapitel »Antiquiertheit der Freiheit« Folgendes, das ich für die beschriebene Diskussion um die Wirkung/Gegenwirkung der Bezeichnung »Verschwörungstheoretiker« besonders passend finde:

»Was aber die so Belieferten oder Geprägten betrifft, so spüren diese von ihrem Beliefert- oder Geprägtwerden, oder von ihrem Beliefert- oder Geprägtsein nichts mehr. Die einem eingeprägten Ansichten halten sie bedenkenlos für die ihren. Und da es nicht nur ihre Ansichten sind, die durch diesen sanften Terror geprägt werden, da vielmehr ihre Seelen als Ganze unterliegen, fühlen sie sich tatsächlich frei (und zumeist sogar unglücklicherweise auch glücklich). Kein Wunder, daß sie darin gipfelt die Unwahrhaftigkeit des Zustandes die wenigen wirklich Freien, die die Kraft aufbringen, der Prägung Widerstand entgegenzusetzen, bona fide für Saboteure der Freiheit halten, und als solche behandeln. Es hat wohl niemals eine geschichtliche Bewegung gegeben, in der das Prinzip der Konterrevolution, das heißt: das Prinzip, unfrei Gemachte unter dem Banner der Freiheit gegen sie selbst zu mobilisieren, einen Triumph gefeiert hat, der an diesen Triumph des Konformismus herangereicht hätte.«5

…produzieren Diskurs-Ausschlüsse

Wobei ein aus diesem »Konformismus« heraustretender konstruktiver Umgang sicherlich die Erweiterung der eigenen Wirklichkeitserfahrungen, die eine Urteilsbildung ermöglichen, ist. Ferner schreibt Anders:

»Annulliert ist außerdem der Unterschied zwischen Hören und Sprechen. Diese Annullierung ist in der Tat die Hauptannullierung, diejenige, auf die die erste abzielte. Was erzielt werden soll, ist ‘höriges Reden’  womit ich nicht nur meine, daß der Hörige dasjenige, was er höre nachspreche, sondern etwas Grundsätzlicheres: daß nämlich sein Sprechen überhaupt nichts anderes mehr ist als eine Spielart oder eine Begleiterscheinung seines Hörens. Ursprünglich ist Sprechen (wie die Redensart ‘etwas zu sagen haben’ anzeigt) Zeugnis von Macht und Freiheit. Hören dagegen (wie die Wörter ‘gehören’ und ‘gehorchen’ nahelegen) Zeugnis von Unfreiheit. Die Definition des Menschen als zōon logon echon [»Lebewesen mit Sprache« bzw. »vernunftbegabtes Lebewesen«;6 S. M.] wird nun entwertet. Denn ein Sprachwesen ist der Mensch nun nur noch deshalb, weil er ein Wesen ist, das hört. Tatsächlich ist für die Majorität der Konformisten Sprechen bereits zum bloßen Mitsprechen des pausenlos Gehörten geworden. Sie sprechen nicht anders als die Konzertbesucher singen, die die gehörte Musik mehr oder minder stumm mitsummen.«7

Eine Gegenbewegung wäre also eine Wende vom Hören zum Sprechen.

Vor diesem Hintergrund: Die disqualifizierende und abwertende Verurteilung eines Sprechakts als »Verschwörungstheorie« kommt dem Ausschluss aus dem Diskurs8 oder dem Ausschluss des Diskurses gleich und ist damit menschenfeindlich. Dies gilt analog für die pauschale Einordnung von Gedankeninhalten als »rechtsextremistisch«, »antisemitisch«, »antifeministisch« etc. sowie für die in vielen Gruppierungen verfassten Selbstverständnisse, solche Äußerungen bzw. Menschen, die solche Äußerungen tätigen, auszugrenzen. Dafür wird regelmäßig das Argument angeführt, Menschen würden sich nicht mehr auf dem Boden der freiheitlich demokratischen Grundordnung bewegen und hätten sich deshalb bereits selbst ausgegrenzt, was in solchen Fällen leicht erkennbar, die Verantwortung für die Ausgrenzung den Ausgegrenzten zugeschreibt. Wenn wir Menschen vom Diskurs ausschließen, (weil) deren Äußerungen in eine dieser »kritischen« Kategorien fällt, frage ich: Wohin mit »diesen« Menschen? Sie denken weiter und handeln nach ihren Gedanken und zwar in derselben Welt, in der ich existiere. Ein solcher Ausschluss erinnert mich an versteckspielende Einjährige, die sich die Augen zuhalten und glauben, sie werden nun nicht mehr gesehen, weil sie selbst nichts mehr sehen.

Eine Bewegung vom Hörenden zum Sprechenden in Referenz zu Anders wird hierdurch allerdings zumindest selektiv unterbunden.

Stattdessen: radikal offener Diskurs auch mit einem Verschwörungstheoretiker

Insbesondere mit denjenigen Menschen, denen wir physisch im Diskurs begegnen (könn(t)en), teilen wir unseren Lebensraum. Wenn wir niemanden auf den Mars schicken und gewaltsame Auseinandersetzungen ausschließen wollen, bleibt nur die diskursive Aushandlung. Die aus meiner Sicht zentrale Frage, die sich aus der Tatsache der geteilten Raum-Zeit und der Anerkennung meiner selbst als Mensch, und damit jedes anderen Menschen, ergibt, lautet: Wie wollen, können und sollen wir unser Zusammenleben gestalten?

Ein radikal offener Diskurs ist beispielsweise auch Bestandteil der praktischen Umsetzung der Idee einer freiheitlichen Demokratie, und auch Konsequenz und Methode eines dialektischen Wahrheitsverständnisses, bei dem Wahrheit anteilsmäßig idealistisch gebildet wird, sodass zur Mitteilung dieser idealen Komponente sprachliche oder ggf. andere performative Akte notwendig sind.

Ja, es mag Menschen geben, die wir nicht erreichen (können) und/oder die gewalttätig werden, aber die gibt es aktuell auch und ich bin davon überzeugt, dass beide Phänomene seltener sind, je mehr Wertschätzung und Selbstwirksamkeit (in nicht-antigemeinschaftlichen Akten) eine Person erfährt. Neben der Möglichkeit der Wertschätzung und Selbstwirksamkeitserfahrung im Diskurs sei der wechselseitige Einfluss, d.h. der Einfluss der Gruppe auf einzelne Teilnehmenden und gleichzeitig der Einfluss jedes Einzelnen auf die Gruppe, oder mechanistisch gesprochen: der Kontrollmechanismus betont. Wenn jemand über menschenfeindliche Gedankeninhalte spricht, so bekomme ich zumindest davon mit und kann ggf. intervenieren. Bei im Diskurs aufkommenden menschenfeindlichen Äußerungen können wir schlussendlich dann auch kollektiv den ethischen Diskurs führen, der bei Verabschiedung des Grundgesetzes, der Menschenrechte u. Ä. nur von Wenigen geführt wurde. Es ist zwar schön, in eine Welt geboren zu werden, in der solche Grundsätze gelten sollen, die eigene Haltung prägt sich aber doch erst im eigenen Urteilsprozess. Nicht die drohende Strafe hält mich davon ab, andere Menschen zu töten, sondern (m)eine ethische und moralische Überzeugung.

Entscheidungsprozesse vergesellschaften

Offenkundig haben wir keine hinreichenden etablierten Strukturen, die einen solchen Diskurs dort fördern, wo auch Entscheidungen gefällt werden. Dies ist einerseits eine ideelle Schwierigkeit, wenn sich diese Gesellschaft als freiheitlich demokratisch bezeichnet. Anderseits sehe ich hierin neben der objektiven Entmachtung auch eine Tendenz zur geistigen Entmachtung. Denn: Wer nicht gefragt wird (eine Entscheidung zu treffen), kann nicht antworten und muss demnach auch nicht notwendigerweise denken/urteilen. Den aktuellen Zustand unserer Gesellschaft betrachtend erscheint es mir keineswegs ein einfaches Unterfangen, Entscheidungsprozesse zu demokratisieren, zumal in einer Gesellschaft, in der ein amoralischer Markt omnipräsent und das Gemeineigentum marginal ist, die Entscheidungsgewalt bei denjenigen liegt, die die größten Anteile der Welt als ihr Privateigentum besitzen. Das eingangs aus der Regionalzeitung zitierte »Gefühl der Machtlosigkeit« ist in den meisten Fällen also nicht nur ein Gefühl. Die Überwindung kann im Kleinen beginnen.

Für mich persönlich geht das mit dem Vorhaben einher, meine bald, bedingt durch einen Umzug, neuen Nachbar*innen, (besser) kennenzulernen (als meine jetzigen). Ich sehe hierin einen nächsten Ansatzpunkt, wirklich diskursive Räume zu öffnen, aus denen sich hoffentlich früher als später Strukturen mit Entscheidungsgewalt ergeben.


1 Die historische Entwicklung des Begriffs möchte ich hier ausblenden, aber darauf verweisen, dass es lohnenswert sein könnte, sich mit ihr auseinanderzusetzen. So ist es bemerkenswert, dass die Wortbedeutung als analytische Aussage über eine vorliegende Theorie weit in den Hintergrund rückt oder ausbleibt.

2 Besser: Ursachen, denn es handelt sich offenbar teilweise um eine Ursache-Wirkung-Forschung und keinen Begründungsansatz der Kritischen Psychologie.

3 Wenn Staatspräsident*innen einem anderen Land im Sprachakt den Krieg erklären, so sollten sie sehr wohl Verantwortung dafür übernehmen. Diese Verantwortung betrifft aber nicht den Sprechakt selbst, sondern die darin kommunizierte (Handlungs-)Entscheidung. Ich schreibe an dieser Stelle also über Sprechakte, die nicht mit einer Entscheidung zusammenfallen. Ein weiterer hier ausgeschlossener Sonderfall ist vermutlich psychische Gewalt.

4 Mir ist bisher noch nicht klar, welche Implikationen diese Annahmen über unseren Nachrichtenaustausch haben. Zumindest eine radikale Reduktion, wie in vielen Bereichen unserer Überflussproduktion, könnte ein Schritt in die richtige Richtung sein.

5 Anders, G. (1980). Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bde. Bd. II (4. Aufl., 2018): Über die Zerstörung des Lebens im Zeitalter der dritten industriellen Revolution. München: C H Beck. S. 289 f. Die Hervorhebungen sind von G. Anders übernommen.

6 https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_griechischer_Phrasen/Zeta

7 Anders, G. (1980). Die Antiquiertheit des Menschen, 2 Bde. Bd. II. S. 297.

8 Diskurs meine ich als persönliche (weitgehend hierarchielose) Unterredung. Ein über Medien, inklusive Talkshows und Podiumsdiskussionen, vermittelter Austausch ist hier nicht mit Diskurs gemeint. Angesichts der Minderheit, die in Medien zu Wort kommt, frage ich mich auch wie dies als offene Diskussion verstanden werden kann.