Stefan Meretz

Stefan Meretz hat den Versuch gemacht, eine kritische Informatik zu begründen und eine Einführungsseite für die »Grundlegung der Psychologie« erstellt. Heute arbeitet er an einem gesellschaftlichen Zukunftsentwurf, in dem Marktmechanismen überwunden sind und denkt, dass die Kritische Psychologie eine Metatheorie für alle Wissenschaftsbereiche ist.

Das Interview führte Eric Recke

1. Du wurdest von Klaus Holzkamp in seinem »Lernen«-Buch als derjenige erwähnt, der sich zu den Mystifikationen der »konnektionistischen Wissenschaftssprache« diplomiert hat. Fandest Du seitdem deine Kritik bestätigt?

Eine Kollegin und ich haben seinerzeit eine Gruppendiplomarbeit in der Informatik geschrieben. Klaus Holzkamp, der gerade am Lernbuch schrieb und sich mit ähnlichen Fragen beschäftigte, war unser zweiter Betreuer aus der Psychologie. Er war sehr interessiert, wie wir den Mystifikationen in der Informatik durch eine angemessene Wissenschaftssprache begegnen wollten. Ein Kritikpunkt war die Benennung von mathematischen Optimierungsalgorithmen als »Neuronale Netze« und ihre Funktionsweise als »Lernen«. Wir rezensierten gegenseitig unsere Arbeiten – wir den Entwurf zum Lernbuch und er unsere Diplomarbeit. Klaus übernahm unseren Vorschlag, nicht biologisierende Bezeichnungen wie »Neuronale Netze« zu verwenden, sondern den aus unserer Sicht angemesseneren Begriff »Konnektionismus« zu nehmen. Er hat dann wirklich nochmal Teile des Lernbuches umgeschrieben, sicherlich nicht nur wegen unserer Intervention. Geblieben ist mir der Eindruck, dass unser Austausch stets auf Augenhöhe im Modus des gegenseitigen Lernens verlief – obwohl wir ja nur kleine Studis waren und er der bekannte Prof.

Die Kritik, die wir damals entwickelten, trägt aus meiner Sicht nach wie vor. Und außer Klaus haben echt nicht mehr viele von Konnektionismus gesprochen, sondern heute ist fast durchgängig vom »Neurolernen« u. dgl. die Rede. Allerdings haben sich die Ansätze seit der Zeit unserer Diplomarbeit auch mächtig verschoben. Wurde damals das isolierte Gehirn bis runter auf die Ebene der einzelnen Synapsen untersucht, um die neuronale Ebene des »Denken« zu entschlüsseln, so gibt es heute schon viel eher eine Klarheit darüber, dass dieses »Gehirn« niemals isoliert vom ganzen Körper, der in der Welt interagiert, gesehen werden kann. Die Forschung ist inzwischen dabei, Körperlichkeit und Kognition für ihre Konzepte zusammenzudenken, weil sich Denken und Lernen eben in konkreten Lebensumständen von körperlichen Menschen entwickelt. Allerdings ist es noch ein weiter Weg bis zum gesellschaftlichen Menschen, dessen Gehirn gegenstandsangemessen sowohl als »gesellschaftlicher Speicher« wie gleichzeitig als Produkt der Evolution und gesellschaftlichen Menschwerdung begriffen werden müsste. Das hat die Kritische Psychologie konzeptuell vorgelegt, und soweit ich sehe, ist sie bisher noch nicht vom etablierten Forschungsbetrieb »eingeholt« worden.

2. Was hat Dich dazu bewogen, zum inzwischen wirtschaftlich bedeutendsten Wissenschaftsbereich der Informatik eine kritische Informatik begründen zu wollen?

Die Psychologie und die Informatik standen seinerzeit vor ähnlichen Fragen: Was sind eigentlich die Grundbegriffe, die die jeweiligen Wissenschaften konstituieren? Für die Psychologie war es das Psychische, das von der Kritischen Psychologie kategorial aufgeschlüsselt werden konnte. Und für die Informatik ist es die Information. Es klingt verrückt, aber in der Informatik gibt es keinen einheitlichen Begriff von Information. Es gibt zahllose Definitionen, die sich teilweise widersprechen. Die Informatik befindet sich in einem vorparadigmatischen Zustand, ähnlich wie die Psychologie in den Siebzigern. Das Spannende war für uns in den Achtzigern als wir uns die »Grundlegung« von Klaus Holzkamp aneigneten, das wir darin einen geeigneten Ansatz für einen fundierten Informationsbegriff fanden. Die signalvermittelte Lebenstätigkeit, die ja die allgemeinste Bestimmung des Psychischen ist, war aus unserer Sicht als informationsvermittelter Prozess zu verstehen. Der Unterschied zum dinglichen Informationskonzept, wie es in der Informatik vorherrscht, war, das hier Information von vornherein als Bedeutung, also inhaltlich gefüllt begriffen wurde. Diese Bedeutung klebt jedoch nicht an den Dingen, sondern ist nur aus dem Verhältnis von Organismus und Umwelt zu begreifen. Ob etwas stoffwechselrelevant ist, ist keine isolierte Eigenschaft eines Dings, sondern existiert nur in Bezug auf den Organismus, der das Ding ggf. als Nahrung nutzen kann. Damit ist Information immer ein Verhältnis zwischen Entitäten und keine Eigenschaft der Dinge. Das war aus meiner Sicht ein ähnlich »ursprünglicher« Ausgangspunkt für eine wissenschaftliche Informationswissenschaft wie es das Psychische als signalvermittelte Lebenstätigkeit für die Grundlegung der Psychologie war.

Zusätzlich zum diesem Botton-up-Ansatz gab es gewissermaßen ein Top-Down-Äquivalent: Informatik ist zur bestimmenden Wissenschaft in der Produktivkraftentwicklung geworden. Als Ingenieur – darin habe ich vor der Informatik promoviert – hatte ich damit sehr direkt zu tun und fand die Umbrüche der Produktionsweise innerhalb des Kapitalismus hoch spannend. Die Entwicklungen dort gingen immer mehr weg von Arbeiter*innen als bloßen Zahnrädern im industriellen Getriebe hin zur autonom bestimmten Arbeitsgestaltung und Entfaltung von Individualität und Kreativität. Die Highlights dieser Entwicklung zeigten sich dann in der Entwicklung der industriellen Gruppenarbeit und Ende der 1990er Jahre in der aufkommenden Bewegung der Freien Software. Dort gab es nicht nur einen völlig neuen Bezug der Tätigen zu ihrem Gegenstand, der Software, die keine Ware mehr war, sondern auch die Tätigkeit selbst löste sich aus den Formen der Lohnarbeit. Wir sahen Keimformen einer neuen Qualität der Vergesellschaftung jenseits von Ware, Markt und Staat heranreifen – und das im fortgeschrittendsten Bereich der Produktion. Diese aus heutiger Perspektive etwas enggeführte Sicht allein auf einen Bereich der Produktion führte uns aber schließlich zu dem, womit ich mich heute beschäftige: zu den Commons als Elementarform einer utopischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Darüber ist allerdings der wissenschaftstheoretisch sicher spannende, aber für mich weniger gesellschaftlich wirksame Bereich der Grundlegung einer Informationswissenschaft liegen geblieben. Na, den greift vielleicht irgendwann jemand anderes mal auf.

3. Du hast zur besseren Aneigenbarkeit der »Grundlegung der Psychologie« eine Homepage zum Buch erstellt: grundlegung.de. Wie kam es dazu?

Für mich war und ist die »Grundlegung« ein geniales Werk. Was das »Kapital« von Marx für die Gesellschaftstheorie ist die »Grundlegung« für die Individualtheorie. Gleichzeitig ist dieser Klopper von einem Werk unfassbar schwer zugänglich. So habe ich lange Zeit regelmäßig Einführungsseminare in die GdP angeboten, auch immer wieder mal bei Ferienunis der Kritischen Psychologie. Um selbstorganisierten Seminaren ein Studienmaterial mit an die Hand zu geben, schrieb ich vieles aus meinen Seminaren auf und erstellte daraus eine Website. Vor allen die Grafiken haben schon vielen Menschen bei der Aneignung geholfen. Die Inhalte sind schließlich in das Buch »Die Grundlegung der Psychologie lesen« eingeflossen. Das Buch kann man sich als PDF auf grundlegung.de frei herunterladen.

4. Woran arbeitest Du zur Zeit?

Ich bin in dem Forschungsprojekt »Die Gesellschaft nach dem Geld« als wissenschaftlicher Mitarbeiter tätig. Das ist ein Verbundprojekt von vier Unis und dem Commons-Institut, deren Projektgruppe ich leite. Nach einer Evaluationsphase, aus der das Buch »Postmonetär denken« hervorgegangen ist, entwickeln wir nun eine Simulation einer Gesellschaft, die weder Tausch, Geld oder Markt noch Staat kennt. Wen es näher interessiert, den kann ich auf den kurzen Artikel zu den theoretischen Grundlagen verweisen, der in der Zeitschrift Streifzüge erschienen ist. Und wer sich ausführlicher mit der der Theorie des Commonismus befassen möchte, kann das Buch »Kapitalismus aufheben« lesen, das ebenfalls per freiem Download erhältlich ist.

Für die Simulation, die wir entwickeln, nutzen wir ein Agentenbasiertes Modell (ABM). Auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht, spielt die Kritische Psychologie auch hier wieder eine große Rolle für uns. So verrückt es klingt: Wir benutzen die Grundbestimmungen der psychischen Funktionen wie Handlung, Bedürfnisse, Emotionalität, Motivation etc., um die Personen im Modell zu modellieren. Dabei vollziehen wir krasse Reduktionen, denn so etwas wie »bewusstes Verhalten-zu« ist nun mal auf der Einzelebene nicht algorithmisch abbildbar. Doch auf der Kollektivebene von tausenden Personen lässt sich deren Gesamtverhalten durchaus angeben, so dass wir dieses wiederum auf die einzelnen Personen im Modell verteilen können. Da es sich um ein Bottom-Up-Ansatz handelt, wissen wir zu Beginn nicht, welches Gesellschaftsverhalten daraus emergiert und wie dieses wiederum auf das Verhalten der Personen zurückwirkt. Wir nehmen am Anfang ideale Randbedingungen an und hoffen im ersten Schritt, dass wir zu einer gesellschaftlichen Stabilität kommen. Es wäre schon ein großer Erfolg zu zeigen, dass eine Gesellschaft jenseits der Vermittlung über Markt und Staat funktioniert. Die eigentliche Forschung beginnt für uns jedoch erst dann, wenn wir die Randbedingungen einschränken, also zum Beispiel schauen, was passiert, wenn eine Klimakrise die Reproduktionsbedingungen der Gesellschaft verschlechtert oder wenn ein beträchtlicher Teil der Personen keine Beiträge zur gesellschaftlichen Re-/Produktion leistet.

5. Welche Forschungsfragen findest Du, sollten in Zukunft im Bereich der Kritischen Psychologie bearbeitet werden?

Ganz allgemein gesagt sollte sich die Kritische Psychologie allen möglichen Bereichen zuwenden. Sie hat die Potenz dazu, denn im Grunde handelt es sich bei der Kritischen Psychologie um eine Metatheorie. Das hat auch Klaus Holzkamp klar gemacht, wenn er darauf hinwies, dass Einzeltheorien auf Basis einer kategorialen Metatheorie erst entwickelt werden müssen. Dies betrifft dann jedoch nicht nur die Psychologie im engeren Sinne, sondern alle Wissenschaften, die sich in irgendeiner Form mit Menschen und Gesellschaft beschäftigen. Ein zunächst fern erscheinendes Beispiel ist die oben erwähnte Informatik. Direkter ist der Bezug etwa in Anthropologie, Ethnologie, Soziologie oder Kommunikationswissenschaften – um nur ein paar zu nennen. Flapsig gesagt, ist der Einfluss in der Kritischen Psychologie in ihrem Kernland gering (gemacht worden), während die Ausstrahlung in andere Disziplinen hinein hier und da sichtbar wird. Umgekehrt finden in diesen Disziplinen Entwicklungen statt, von denen die Kritische Psychologie lernen kann.

Neben dieser eher allgemeinen Empfehlung, habe ich jedoch auch noch eine konkrete: Sie sollte sich als emanzipatorische Subjektwissenschaft ernst nehmen. Es reicht nicht aus, die subjektwissenschaftlichen Kriterien immer wieder darzustellen, um dann festzustellen, dass Mitforschung, Begründungsdiskurs und Intersubjektivität im gegebenen Setting leider nicht herstellbar waren, weswegen man doch wieder auf die Prämissenspekulation »über andere« zurückgeworfen sei. Mir ist schon klar, dass es oft nicht anders geht, doch wenn es dabei bleibt, ist das unbefriedigend. Kritische Psychologie ist zuallererst eine Wissenschaft für je mich. Damit ist jedoch nicht gemeint, das verallgemeinernde »je« so zu verstehen, als ginge es nur um »die anderen Ichs« und nicht auch um konkret mich. Diese Tendenz, sich selbst aus dem Prozess des Selbstverständigung herauszunehmen und sie stattdessen »für« oder gar »über die anderen« zu betreiben, hat das Lebensführungsprojekt mehrfach beschrieben, konnte sie aber letztlich nicht überwinden. Hier setzt die Idee der Kollektiven Selbstverständigung (KSV) an. In der KSV beginnen wir bei unseren Alltagserfahrungen. Wir bringen uns selbst mit unseren Erlebnissen, Gefühlen, Gedanken und Impulsen ein und erschließen von dort aus über metasubjektive Reflexionen die Prämissen-Gründe-Zusammenhänge im gegebenen thematischen Feld mit seinen Bedingungen und Bedeutungen. In seinem letzten Aufsatz von 1995 sah Klaus Holzkamp in der »Selbstverständigung über Handlungsbegründungen alltäglicher Lebensführung« den Wesenskern von Psychologie, mit dem Psychologie »ihre Funktion im Wissenschaftsverbund« erreichen könne. Diese Linie verfolgen wir im Netzwerk Kollektive Selbstverständigung weiter.

Das Interview stammt vom 25. Mai 2020.