Rassismus – eine Betrachtung aus kritisch-psychologischer und psychoanalytischer Sicht

Als deutsche Weiße werden wir rassistisch sozialisiert, um uns mit den herrschenden Verhältnissen und ihrem Rassismus zu arrangieren und daraus Vorteile zu ziehen. Dabei grenzen wir andere aus Angst davor, selbst ausgegrenzt zu werden, aus. Um dagegen vorgehen zu können, müssen wir uns dieser Abwehrmechanismen bewusster werden.

Johanna Luberichs

Der Mord an George Floyd und die darauf folgenden Auseinandersetzungen in den USA haben mich angeregt, mich nochmal vertiefter mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen. Dabei ist es für mich denke ich ein Privileg, wählen zu können, wann ich mich mit Rassismus auseinandersetze. Es ist auch ein Privileg, wählen zu können, wie intensiv ich mich mit Rassismus auseinandersetze. Es ist ein Privileg, wählen zu können, ob ich mich überhaupt mit Rassismus auseinandersetze, weil er mich als weiße deutsche Frau als Unterdrückungsinstrument nicht trifft. Deshalb richte ich diesen Artikel auch vor allem an andere weiße Personen.

Zunächst will ich darauf eingehen, wie sich Rassismus meinem Eindruck nach auf Betroffene auswirkt. Im Weiteren möchte ich dann versuchen, verstehbar auszudrücken, warum wir rassistisch sind: Wie ist Rassismus entstanden? Wie ist er gesellschaftlich zu erklären? Warum hält er sich so hartnäckig? An dieser Stelle werde ich insbesondere auf kritisch-psychologische und psychoanalytische Erklärungsversuche eingehen. Meine Hoffnung ist, dass eine Reflexion des gesellschaftlichen und eigenen Rassismus dabei hilft, langfristig eine antirassistische Haltung einzunehmen.

Das Privileg, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen haben nicht-weiße Menschen nicht. Sie müssen sich mit Rassismus auseinandersetzen, weil sie direkt von ihm betroffen sind. Sie erleben rassistische Sprache, persönlichen, strukturellen und institutionellen Rassismus. Allein der Alltagsrassismus umfasst: sprachliche Assoziationsketten in Verbindung mit dem Wort »schwarz«, Nutzung von klar rassistischen Beschreibungen Schwarzer Menschen und People of Colour. Dazu kommen strukturelle Diskriminierung der Betroffenen auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt sowie institutioneller Rassismus durch Polizei, Schule und Staat. Für ausführlichere Beschreibungen empfehle ich an dieser Stelle Kapitel drei aus Noah Sows Buch »Deutschland Schwarz Weiß«1. Generell lässt sich sagen (und dem widerspricht bisher auch keine psychologische Studie der letzten 75 Jahre), dass solche Erlebnisse bei den meisten Menschen eine negative Wirkung auf die mentale und körperliche Gesundheit haben.

Wir werden rassistisch sozialisiert

Nun sind Mitgefühl mit Betroffenen und das individuelle Bemühen, sich weniger rassistisch zu verhalten, sicher nicht falsch. Was es aber braucht, sind grundlegende Veränderungen, die von der Mehrheit der Gesellschaft ausgehen müssen. Deshalb müssen wir als deutsche Weiße uns zunächst mit unserem eigenen Rassismus auseinandersetzen. Dafür müssen wir ihn erkennen und verstehen, erst dann kann sich eine antirassistische Haltung bei uns entwickeln.

Um ein Verständnis für unseren aktuellen Rassismus zu entwickeln, ist es notwendig, sich mit seinen Ursprüngen zu beschäftigen. An dieser Stelle kann die Geschichte des Rassismus nicht ansatzweise vollständig dargestellt werden, es scheint aber unabdingbar, zu erwähnen, dass auch Deutschland eine lange Kolonialgeschichte hat2. Beispielsweise wurden 1884/1885 die Kolonien im heutigen Namibia errichtet, wo von 1904-1906 der deutsche Völkermord an den Herero und Nama stattfand. Dennoch spielt dieser Teil der deutschen Geschichte im Schulunterricht nach wie vor kaum eine Rolle. Natürlich zog und zieht sich der Rassismus in unterschiedlicher Ausprägung auch durch die Zeiten der Weimarer Republik, des deutschen Faschismus, der DDR und BRD sowie des heutigen vereinten Deutschlands. (Auf die rassistische Geschichte der Psychologie sei an dieser Stelle nur verwiesen, bräuchte sie doch eine eigene ausführliche Thematisierung, die ich hier nicht leisten kann).

Wir leben also in einer rassistisch geprägten Gesellschaft und wir werden rassistisch sozialisiert. Deshalb darf Rassismus nicht nur als individuelle »Eigenschaft« einzelner Personen betrachtet werden, denn er besteht systematisch. In diesem Sinne möchte ich an dieser Stelle auf die Verschränkung von Rassismus und Kapitalismus hinweisen: Tupoka Ogette beschreibt in ihrem Buch »exit RACISM«3, wie die Kolonialisierung und Sklaverei ab dem 15. Jahrhundert4 vor allem das Ziel der wirtschaftlichen Ausbeutung verfolgte. Sie betont, dass die Europäer*innen nicht zu Sklavenhändler*innen geworden waren, weil sie rassistisch waren, sondern dass sie – umgekehrt – zu Rassist*innen wurden, um ihre profitorientierte Ausbeutung ideologisch untermauern zu können5. Auch der Soziologe Gerhard Hauck geht in einem Essay6auf die Wechselwirkung zwischen Rassismus und Kapitalismus ein. Er verweist auf die durch die Arbeit der versklavten Menschen geschaffene Kapitalakkumulation, die die Entwicklung des Kapitalismus erst ermöglichte7. Und, dass wir auch heute noch von der Ausbeutung nicht-weißer Menschen profitieren, ist nicht von der Hand zu weisen.

Rassismus als Arrangement mit den Herrschenden

Im Folgenden möchte ich auf kritisch-psychologische sowie psychoanalytische Erklärungsversuche von Rassismus eingehen, die hoffentlich dabei helfen, den eigenen Rassismus zu erkennen, zu verstehen und zu überwinden: Sobald Rassismus als Problem einzelner Individuen psychologisiert, teilweise auch pathologisiert, wird, werden gesellschaftliche Strukturen desselben außer Acht gelassen. Die Verstrickung der Individuen, damit auch die eigene, in die Reproduktion dieser Strukturen, wird vernachlässigt8. Holzkamp (1995) argumentiert, dass stattdessen die »Vermittlung des gesellschaftlich-politischen Rassismus in die Lebenswelt der Individuen hinein (…) einem günstigenfalls den Schlüssel zum Verständnis rassistischer Handlungen von Subjekten liefern kann«9. Durch die rassistische Unterdrückung anderer mache sich das Subjekt mit den Herrschenden gemein, wodurch es aber gleichzeitig dem eigenen Interesse nach Erweiterung der Handlungsfähigkeit im Weg stehe – da es gerade diejenigen ausgrenze, die sich in ähnlicher Lage befinden und damit potentielle Bündnispartner*innen sein können. Diese Selbstfeindschaft muss aus dem Bewusstsein verdrängt werden, um sie aufrecht erhalten zu können10,.

Osterkamp (1996) argumentiert ähnlich: Rassismus würde den Individuen in einer rassistischen Gesellschaft nahegelegt. Unter den gegebenen Verhältnissen würden sie genötigt, ihre jeweilige Besserstellung zu ihrem Vorteil zu nutzen und eine Gleichgültigkeit gegenüber der Diskriminierung anderer zu entwickeln11. Diese Gleichgültigkeit bedeute aber auch eine Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben und sei Ausdruck eingeschränkter Handlungsfähigkeit12. An anderer Stelle geht Osterkamp darauf ein, dass dabei erlebte Ohnmacht auch als Rechtfertigung dienen kann, nichts ändern zu können und, dass dies insbesondere bloßes Mitgefühl erleichtert, weil es eben nicht zu Handlungen führen muss und unverbindlich bleiben kann. Es ziele dann vor allem auf eine Selbstdarstellung als guter Mensch ab13.

Sowohl Holzkamp als auch Osterkamp kritisieren die psychoanalytischen Erklärungsversuche insbesondere von Erdheim14 und Mitscherlich15 sowie deren Projektionstheorie. Ihre Kritik bezieht sich vor allem auf die Gefahr der Individualisierung sowie die Entlastung davon, die bestehenden Verhältnisse zu thematisieren, die aber für das Entstehen von Rassismus mit verantwortlich zu machen seien16. Es müsse darum gehen, die objektiven Bedingungen und die dazugehörigen persönlichen Gründe, die rassistischen Verhaltensweisen zugrunde liegen, zu analysieren17. Osterkamp schreibt hierzu: »Das eigene Fehlverhalten zuzugeben ist jedoch nur möglich, wenn es nicht als individuelles Versagen, sondern im Zusammenhang mit den Verhältnissen, unter denen es naheliegenderweise als einziger Ausweg übrig zu bleiben scheint, reflektiert wird.18« Dies stellt allerdings keine Entschuldigung dar. Vielmehr seien wir immer auch für die gesellschaftlichen Lebensmöglichkeiten und deren Behinderungen mit verantwortlich19. »Indem man sich solchen Bedingungen anpaßt, die einen gegenüber anderen bevorzugen, beteiligt man sich an deren Diskriminierung20«. Wir müssen also die herrschenden Verhältnisse und unser eigenes Arrangement mit ihnen kritisch reflektieren21. Das Ziel muss letztendlich eine nicht-rassistische Gesellschaft sein. Ein Schritt in diese Richtung kann und muss meiner Meinung nach deshalb die individuelle Auseinandersetzung mit dem eigenen Rassismus sein, insbesondere da wir unter rassistischen Bedingungen leben und diese wohl vorerst nicht ganz abschaffen werden können. Aus diesem Grund reicht es auch nicht, zu versuchen, sich im Alltag nicht-rassistisch zu verhalten. In einer Gesellschaft, die rassistisch geprägt ist, braucht es eine antirassistische Grundhaltung. Hier ist es sinnvoll, sich möglichst gut zu informieren und rassistische Abwehrmechanismen bei sich selbst erkennen zu lernen22.

Rassismus ist Teil einer normalen Entwicklung

Auch der Psychoanalytiker Fakhry Davids versucht uns zu helfen, unseren bei ihm so genannten »Inneren Rassismus«23 zu verstehen. Er argumentiert, dass Rassismus in einer rassistischen Welt Teil einer normalen Entwicklung ist24 und innerer Rassismus als normale Komponente der Psyche betrachtet werden müsse25. Die rassistische Organisation der inneren Welt könne von dem Individuum als Ressource genutzt werden, um mit besonders großer Angst umzugehen, indem das Ich (ein angenommener psychischer Mechanismus, der für die Herstellung von Handlungsfähigkeit zuständig ist) bei Bedrohungen unbewusst einen inneren Rassismus erzeugt, der die Angst in eine Ausgrenzungsaggression gegen vermeintlich leichter Auszugrenzende verwandelt26. Diese rassistische Organisation entstehe unter den gegebenen, nämlich rassistischen, Bedingungen in der kindlichen Entwicklung27 und erinnere aufgrund ihrer Abwehrmechanismen an eine pathologische Organisation.

Davids schreibt hierzu: »Sobald wir uns angewöhnt haben, diese Organisationen zu benutzen, können sie jedoch wie eine Sucht wirken, die uns erlaubt, über normale menschliche Verwundbarkeit und Schwäche zu triumphieren, indem wir sie auf andere projizieren. Je mehr wir dies tun, umso größer wird die Schuld, der wir gegenüberstehen, was die Belastung noch unerträglicher macht und die Notwendigkeit einer Organisation als Zufluchtsort noch dringender.28« Innerpsychische Abwehrorganisationen helfen bei der Sicherstellung, dass jede*r auf dem ihm*ihr zugewiesenen Platz bleibt, zwischenmenschliche Begegnungen also an ein Fantasiertes System angepasst werden, wie es Davids ausdrückt29. Rassismus müsse aber als »eine pathologische Organisation, die in der »normalen« Psyche auftritt« und ihre zugrundeliegende Projektion als »eine ausgeklügelte Wahrnehmung der sozialen Bedeutung von Differenz in der äußeren Welt« verstanden werden30. (Hier findet sich einer der bedeutendsten Unterschiede zu den oben genannten Projektionstheorien von Erdheim und Mitscherlich, die davon ausgehen, dass die abgewehrte Angst nicht tatsächlich den Betroffenen gilt, sondern einem Objekt aus der eigenen Entwicklung, z.B. dem strafenden Vater.) Rassismus hilft also, überwältigende Angstgefühle abzuwehren. Wenn wir diesen gerade nicht ausgesetzt sind, »verursacht unser innerer Rassist wenig Probleme – er lebt ruhig im Hintergrund, als Teil des Selbst« oder wird in einem sicheren Objekt hinterlegt (z.B. offen rechtsextreme Gruppierungen oder Personen), von dem wir uns distanzieren können31. Davids fügt an: »Eine solche Projektion ermöglicht uns Distanz zum inneren Rassismus und befreit uns von diesem, sodass wir in Beziehungen zum Anderen des sozialen Stereotyps menschlicher sind, aber es kann auch unsere Fähigkeit beschränken, uns gegen Rassismus in der realen Welt zu engagieren.32«

Die eigenen Abwehrmechanismen erkennen

Um eine tatsächlich antirassistische Haltung zu entwickeln, ist es essentiell, und die mit mit eigenen Rassismus einhergehenden Abwehrmechanismen, die zur Leugnung und Verschleierung desselben führen, zu erkennen sowie die gesellschaftliche Verstrickung von Rassismus zu reflektieren, um Veränderungen herbeiführen zu können. Für jede*n Einzelne*n kann dieser Lernprozess dazu führen, eigene rassistische Handlungen zukünftig zu unterlassen sowie rassistische Äußerungen etc. von anderen zu erkennen und einzuschreiten. Wer noch vor einiger Zeit über Rassismus hinweggesehen hat, weil es »doch nur ein Witz« war, wird mit einem größeren Bewusstsein und einer geschulteren Sensibilität beim nächsten Mal wohl nicht mehr lachen, vielmehr die Person auf das rassistische Moment ihrer Aussage hinweisen, nicht um die Person nun selbst dafür auszugrenzen, sondern im besten Falle, um über die eigene Geschichte und die Geschichte der Person in Bezug auf seine Äußerung ins Gespräch zu kommen. Wer bisher der Meinung war, dass »Sie sprechen aber gut Deutsch« doch nur ein Kompliment ist und »Woher kommst du?« reine Neugier, wird mit vermehrtem Wissen und Änderungsbereitschaft solche und ähnliche Äußerungen stärker hinterfragen. Als politische Änderungen schlagen Saraya Gomis und Daniel Gyamerah von Each One Teach One (EOTO) e.V., einer Organisation zum Empowerment Schwarzer, afrikanischer, afrodiasporischer Menschen in Deutschland, vor:

  • 1. Anerkennung von und Kampf gegen Anti-Schwarzen Rassismus
  • 2. Förderung von Gleichstellung
  • 3. Historische Aufarbeitung, Forschung und Bildung für die Zukunft
  • 4. Eine Stiftung für Schwarze Talente
  • 5. Bündnisse und Communitys33

1 Sow, N. (2018). Deutschland schwarz weiß: Der alltägliche Rassismus. BoD–Books on Demand. S. 112ff.

2 Zum Thema »Rassismus in Deutschland« möchte ich an dieser Stelle auf Kapitel zwei aus Sows »Deutschland Schwarz Weiß« hinweisen.

3 Ogette, T. (2017). exit RACISM: rassismuskritisch denken lernen. Münster: Unrast. Im Folgenden beziehe ich mich auf die Hörbuchfassung.

4 Sklaverei war zu diesem Zeitpunkt nichts Neues. Dennoch wird der Kolonialismus der Neuzeit als eng verknüpft mit dem heutigen Rassismus betrachtet und deshalb als historischer Bezugspunkt herangezogen.

5 Hörbuch »exit RACISM«, Kaptitel 5, Teil 1

6 Hauck, G. (2017). Wer vom Rassismus redet, darf vom Kapitalismus nicht schweigen. PERIPHERIE-Politik, Ökonomie, Kultur, 37(2), 153-161.

7 Ebd., S. 154.

8 Holzkamp, K. (1995). Rassismus und das Unbewußte in psychoanalytischem und kritisch-psychologischem Verständnis. S. 23.

9 Ebd., S. 24

10 Ebd., S. 29

11 Osterkamp, U. (1996). Rassismus als Selbstentmächtigung. Berlin/Hamburg. S. 13ff.

12 Ebd., S. 15

13 Ebd., S. 55f.

14 Erdheim, M. (1992). Fremdeln: Kulturelle Unvertraglichkeit und Anziehung.

15 Mitscherlich, M. (1983) Müssen wir hassen? In: Italiaander, R., & Arndt, C. (1983). »Fremde raus?”: Fremdenangst und Ausländerfeindlichkeit Gefahren für jede Gemeinschaft (Vol. 4255). Fischer Taschenbuch Verlag.

16 Osterkamp, U. (1996). Rassismus als Selbstentmächtigung. Berlin/Hamburg. S. 88f.

17 Ebd., S. 150

18 Ebd., S. 65f.

19 Ebd., S. 156

20 Ebd., S. 201

21 Ebd., S. 208

22 Tupoka Ogettes »exit RACISM« ist nur eines der (Hör-)Bücher, die dabei helfen können.

23 Davids, M. F. (2019). Innerer Rassismus. Psychosozial-Verlag.

24 Ebd., S. 78

25 Ebd., S. 71

26 Ebd., S. 79

27 Siehe hierzu den Abschnitt »Innerer Rassismus in der normalen Entwicklung« aus Kapitel 3, S. 82ff.

28 Ebd., S. 78

29 Ebd., S. 73

30 Ebd., S. 78

31 Ebd., S. 80

32 Ebd., S. 93

33 https://www.zeit.de/politik/deutschland/2020-06/rassismus-schwarze-politische-agenda-menschenrechte?fbclid=IwAR1Z8QG6cyEZ_vspn6JBfJqcb_4YgcPVKOgsOlD15Z7mHBPYo7HlZ0zGVcw#3-historische-aufarbeitung-forschung-und-bildung-fuer-die-zukunft