Katharina Simons

Katharina Simons ist approbierte Psychotherapeutin und hat das bundesweite PiA-Politik-Treffen sowie das Berliner PiA-Forum mit gegründet. Wie sie dazu gekommen ist und welche Rolle die Kritische Psychologie dabei spielte, erzählt sie im Interview.

Das Interview führte Eric Recke

1. Du hast das bundesweite PiA-Politik-Treffen sowie das Berliner PiA-Forum mit gegründet. Was ist das jeweils?

Das PiA-Politik-Treffen ist ein Treffen von Menschen, die sich für die Verbesserung der Ausbildungsbedingungen für Psychotherapeut*innen einsetzen möchten. Es wird von einem Orgateam organisiert, in dem Leute vieler Verbände und Fachrichtungen mitwirken. Sowohl PiA als auch Studierende und approbierte Psychotherapeut*innen arbeiten zusammen.

Das PiA-Forum Berlin ist ein Vernetzungsorgan der Berliner Psychotherapeuten in Ausbildung (PiA). In Berlin gibt es ca. 25 Institute, die als Vereine oder als GmbH organisiert sind und unabhängig voneinander agieren. Als PiA ist man dort eigentlich Kunde. Auf dem PiA-Forum werden die Ausbildungsbedingungen besprochen und Informationen und Aktionsmöglichkeiten rund um die Praktische Tätigkeit ausgetauscht. Weitere Themen sind die Möglichkeiten der Mitbestimmung in den Instituten, Kammerangelegenheiten und natürlich die Arbeit mit ver.di. Auf der Webseite des PiA-Forums werden nützliche Informationen für PiA gesammelt.

2. Warum hast Du Dich an der Gründung beteiligt und was erhoffst Du Dir dort mit Deinem Engagement für die Zukunft?

Das PiA-Politik-Treffen habe ich zu Beginn meiner Ausbildung 2012 zusammen mit Kolleg*innen aus den großen Verbänden bvvp, VPP und DPtV ins Leben gerufen, die ich im Rahmen der Proteste 2011 kennengelernt hatte. Die Idee war, die berufspolitischen Energien der verschiedenen Berufsverbände beim Thema Ausbildungsreform zu bündeln. Nachdem wir gemeinsame Forderungen abgestimmt hatten, gingen wir damit an die Öffentlichkeit, um auf das Bundesministerium für Gesundheit und die Fraktionen im Bundestag einzuwirken. Der Reformprozess sollte aus der Schublade raus und auf die politische Agenda gesetzt werden. Wir haben Demos veranstaltet, aber auch ein paar schöne Videoclips produziert. Dass die Reform schon im Koalitionspapier 2013 auftauchte, führe ich natürlich auf unser Engagement zurück, auch wenn die Regierung sich dann bzgl. unserer Themen eher unauffällig verhielt. Erst seit 2017 kam Bewegung in den Reformprozess, den wir mit Stellungnahmen, Gesprächen und auch Demos kritisch begleiteten. Die Reform wurde im November 2019 tatsächlich verabschiedet und die Ausbildung, wie wir sie gerade noch absolvieren, abgeschafft. In Zukunft wird es ein Psychotherapiestudium mit abschließender Approbationsprüfung und eine darauf folgende 5-jährige Weiterbildung geben.

Darüber hinaus bietet das PiA-Politik-Treffen einen lebendigen Rahmen, um sich berufspolitisch einzubringen. Es ist ein kreatives und vergleichsweise bewegliches Gremium, wo auf kurzen Wegen Absprachen getroffen werden, Positionen abgestimmt und Aktionen organisiert werden können. Das gefällt mir sehr. Ich werde mich hier auch noch weiterhin engagieren und die letzten Jahre der alten Ausbildung wie auch den Aufbau der neuen Weiterbildungsstrukturen mit unseren Mitteln begleiten. Ich finde die Absprachen der Verbände sehr sehr wichtig, da es in unserem Bereich keinen Dachverband gibt, der als Akteur auf Bundesebene fungiert. Wenn die Verbände mit unterschiedlichen Forderungen auf die politischen Institutionen wie BMG und Fraktionen zugehen, können sie sich nicht gut gegen andere Kräfte in der Gesundheitspolitik durchsetzen, die häufig eine viel stärkere Lobby haben, wie bspw. Krankenkassen oder Ärzteverbände.

Ich selber bin seit diesem Frühjahr keine PiA mehr. Für die PiA-Politik interessiere ich mich jedoch weiterhin und nehme noch an den Treffen teil. Ich finde es wichtig, dass PiA in Berlin und anderswo ihre Möglichkeiten, mitzugestalten (die es ja gibt) auch wahrnehmen und sich dabei gegenseitig stärken. Beim PiA-Forum lernt man also Gleichgesinnte kennen und kann sich über alles austauschen.

3. Wie bist Du ursprünglich auf die Kritische Psychologie gestoßen und wie ist sie bisher in Deine Arbeit eingeflossen?

Als ich 1996 anfing, an der Freien Universität Berlin zu studieren, war es noch nicht sehr lange her, dass das Psychologische Institut (PI) und das Institut für Psychologie (IfP) zusammengelegt worden waren. Ich konnte noch wählen, wo und bei wem ich meine Scheine machen wollte. Mir gefiel die marxistische Theorie intuitiv (ohne, dass ich zuvor Kontakt mit marxistischem Denken gehabt hatte) und ich fing an, die Grundlagenliteratur der Kritischen Psychologie durchzulesen, die Grundlegung, das Lernbuch, das Motivationsbuch. Besonders gefiel mir die Bedingungs-Bedeutungs-Begründungsanalyse und auch die Überlegungen zur Handlungsfähigkeit. Und der materialistische Blickwinkel. Und das Ding mit den gesellschaftlichen Widersprüchen. Ich entwickelte einen großen Appetit auf Gesellschaftstheorie und Erkenntnistheorie, sowie Analysen des Neoliberalismus, feministische Theorie und Kulturpsychologie. Daher ging es weiter mit Marx, Hegel, Adorno, Bourdieu, Foucault, Butler, Joachim Hirsch, Negri, Stuart Hall …. Meine ersten intensiveren Kontakte mit klinisch-psychologischen Themen hatte ich tatsächlich erst in der Vorbereitung zu den Diplomprüfungen am Ende des Studiums. Die Kritische Psychologie bot mir dabei immer ein Fundament, eine Theorie, die mir Begriffe an die Hand gab, um das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft differenziert abzubilden. Das konnten andere Theorien natürlich nicht. Auch wenn ich letztlich nicht tiefer in die Kritisch-psychologische Forschung eingestiegen bin, wurden die Kritpsy-Begriffe vielleicht zu so etwas wie meiner inneren Matrix.

Wenn ich jetzt überlege, was mir heute, 20 Jahre später, von der Kritischen Psychologie geblieben ist, so ist es wahrscheinlich der Blickwinkel, dass Menschen gesellschaftlich leben und ihre Kultur gesellschaftlich vermittelt ist und niemals monadisch oder selbsterklärend sein kann. Und dass mit »gesellschaftlich« nicht nur die politischen Institutionen gemeint sind, sondern die ganze Lebensweise, insbesondere, nach welchen Regeln gewirtschaftet wird und wie Macht vermittelt ist. Außerdem habe ich den KP-Begriff des kollektiven Handelns verinnerlicht. Transformation, die Erweiterung der Handlungsfähigkeit, geht nicht ohne den Zusammenschluss mit anderen Betroffenen und nicht ohne die Abkehr von der Konkurrenz zueinander. Allerdings hilft mir dies in der Berufspolitik mehr als in der Psychotherapie.

Als Therapeutin ist es hilfreich, dass ich mich recht gut mit unseren politischen Bedingungen auskenne, um Handlungsmöglichkeiten einschätzen zu können. Ich finde es außerdem offensichtlich, dass jedes Verhalten aus der Perspektive des Handelnden die aktuell beste Lösung ist. Ich kenne die Kritik an Psychotherapie, dass gesellschaftliche Probleme individualisiert würden. Die teile ich eigentlich nicht. Ich erlebe es als sehr sinnvoll, mit der Psychotherapie einen auf zwei Personen beschränkten Rahmen anbieten zu können, in dem es um Vertrauen und die Erkundung der inneren Landschaft geht. Therapie bietet einen Raum, sich selber zu spüren und wahrzunehmen und sich in der Integration von schwierigen Gefühlen zu üben, um in Alltagssituationen präsenter zu werden und besser den eigenen Bedürfnissen gemäß handeln zu können. Es kommt nicht selten zu einer Auseinandersetzung mit dem, was ist und dem, was man gern hätte. Aus der Klärung und Selbstberuhigung können durchaus Kräfte entstehen, die es den Patienten ermöglicht, sich auf neue Weise für ihre Interessen einzusetzen. Dass es diese Art von vertraulichem Raum gibt, finde ich sehr kostbar.

Was ich jedoch denke, ist, dass es aus dem Blickwinkel der Prävention und der Frage danach, was Menschen eigentlich brauchen, um auf gesunde Weise zusammenleben zu können, unendlich viele Quellen vermeidbarer psychischer Probleme gibt. Ob es nun die Herabwürdigung von Kindern im Dienste der Anpassung und Unterwerfung unter die Autorität oder das Leistungsprinzip ist, Objektivierung und gewaltvolle Nutzbarmachung aller Lebewesen im Kontext kapitalistischer Produktionsweisen, Vereinzelung der Menschen, Mangel an Kontrolle über die eigenen Lebensbedingungen aufgrund zu großer Machtunterschiede… Wenn man sich Prävention auf die Fahnen schreiben wollte, ich wüsste kaum, wo ich anfangen sollte. Für die Heilbehandlung gibt es ein bequemes Prozedere, für die Prävention muss man gegen den Strom schwimmen (und sich zusammentun). Es gibt ja viele verschiedene Initiativen in diesem Bereich. Wo und wie sich Psychotherapeuten dabei engagieren, habe ich bisher noch nicht erforscht.

4. Du hast dieses Jahr Deine Approbation zur psychologischen Psychotherapeutin abgeschlossen. Was würdest du im Nachhinein sagen, waren die größten Schwierigkeiten?

Ich persönlich hatte tatsächlich eher wenig Schwierigkeiten. Bekanntermaßen werden die 1.200 Stunden Praktische Tätigkeit nicht ausreichend vergütet. Ich hatte jedoch Glück und konnte ALG II aufstocken, so dass ich keine existenziellen Sorgen hatte. Außerdem hatte ich mir ja mit dem PiA-Politik-Treffen und dem PiA-Forum eine Umgebung geschaffen, mithilfe derer ich mich gestärkt fühlen konnte. Dadurch habe ich viele gute Erfahrungen gemacht und mich so manches getraut und neu ausprobiert.

Abgesehen von der schwierigen Situation in den Kliniken hängt vieles davon ab, wie integer das Ausbildungsinstitut ist, bei dem man lernt. Man ist davon abhängig, dass die Patientenvermittlung klappt, dass es ausreichend Räume gibt, dass die Honorare überwiesen werden und auch nicht zu knauserig ausfallen, dass die Supervision gut ist und die Supervisoren sich fair verhalten. Kein Institut ist hier in jeder Hinsicht perfekt, jedoch lohnt es sich, vor Vertragsabschluss Erfahrungsberichte einzuholen, um die schwarzen Schafe auf dem Markt zu umgehen.

5. Was denkst Du, werden die größten Hürden bei der Ausbildung nach der aktuellen Reform sein?

Die erste Hürde wird es wohl sein, einen Studienplatz im Bachelor Psychotherapie zu erhalten, dann, einen im Master Psychotherapie zu bekommen. Wir hatten gefordert, neben der Abiturnote auch andere Kriterien heranzuziehen, um die Diversität der Kandidat*innen zu erhöhen. Es ist offensichtlich, dass die Auslese nach Noten bestimmte Kandidat*innen bevorzugt, die nicht unbedingt die besseren Therapeuten werden. Interessant finde ich auch, ob die Universitäten es erlauben, als Psychologie-Bachelor mit dem Psychotherapie-Master fortzusetzen, und wenn ja, wie das dann aussieht. Schließlich müssen ja die Anforderungen der Approbations-Ordnung erfüllt werden.

Die zweite Hürde wird es sein, eine Weiterbildungsstelle zu finden. Die neue Weiterbildung wird in viel größerem Umfang (zwei Jahre) an Kliniken im Anstellungsverhältnis absolviert werden. Ich weiß gerade noch nicht, wie diese Stellen finanziert sein werden, und ob sie rechtzeitig zur Verfügung stehen werden. Ich habe gehört, dass einige Psychotherapeutenkammern der Länder sich darum bemühen, entsprechende Paragrafen in die Landeskrankenhausgesetze einbinden zu lassen. Das neue Gesetz führt dazu, dass Psychotherapie in den Psychiatrien gestärkt wird, jedoch muss dies auch erst einmal (ggf. gegen die Interessen der Ärzte) umgesetzt werden.

Da die Weiterbildungsordnung zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal geschrieben ist, gibt es noch viele offene Fragen. Ich denke, dass es wie bei allen neuen Strukturen für die ersten Jahrgänge hier und da holprig laufen kann… Wer sich für den Stand der Dinge interessiert, kann sich bei der Bundespsychotherapeutenkammer informieren.

In Zukunft wird man die gesamte Weiterbildung in Anstellung absolvieren. Den unklaren Status der heutigen PiA wird es nicht mehr geben. Das heißt nicht, dass dann alles einfach wird. Aber wir werden uns endlich in der Logik der bestehenden Weiterbildungsstrukturen im Gesundheitswesen bewegen und damit auch deren ausgleichende Mittel besser nutzen können, wie bspw. Tarifverhandlungen und die Unterstützung der Betriebs- und Personalräte.